München - Eines hat Günter Grass bis heute nicht so richtig verstanden: Warum die "Blechtrommel" seinen Roman "Hundejahre" immer etwas in den Schatten stellte.

""Die Blechtrommel" ist ein typisches Buch der 50er, die "Hundejahre" eins der frühen 60er", sagt er am Donnerstagabend beim Literaturfest München, wo eine Ausstellung an das Erscheinen seines Romans vor mehr als einem halben Jahrhundert erinnert. "Hundejahre" erzählt aus der Perspektive von drei Erzählern von der kleinbürgerlichen Danziger Welt vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg.

"Es gibt nicht eine Wahrheit, sondern mehrere Wahrheiten", sagt der Autor, der vor einigen Jahren enthüllte, selbst Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, über seine Motivation für die Thematik. "Ich wollte den Puritanismus austreiben mit Hilfe meiner katholischen Restbestände", sagt er über seinen Stil einer "erweiterten Realität".

Für die Neuauflage aus dem vergangenen Jahr hat Grass sich noch einmal mit seinem Roman, dem dritten Teil aus seiner sogenannten "Danziger Trilogie", befasst und ihn mit eigenen Radierungen illustriert, die das Literaturfest in einer kleinen Ausstellung im Münchner Gasteig zeigt. "Es war ein Abenteuer", sagt Grass und nimmt einen Schluck Rotwein. "Ich las es wieder und fand, dass es sich frisch gehalten hatte." Aber: "Ich finde mich heute sympathischer als ich es damals war", urteilt der Literaturnobelpreisträger über sein 35 Jahre altes Autoren-Ich.

Die kleinbürgerliche Welt wollte er in den "Hundejahren" zeigen, über die die Politik hereinbricht - als Gegenentwurf zu der "Legende, der Nationalsozialismus sei wie ein Dämon in Nacht und Nebel über das Volk gekommen". "Da bricht Geschichte ein in diese kleinbürgerliche Welt", sagt er und liest aus dem zweiten Buch des Romans die Geschichte von Tulla, die nach dem Unfalltod ihres kleinen Bruders in die Hütte ihres Schäferhundes Harras einzieht, eines Zuchtrüden, der später einen von Adolf Hitlers Hunden zeugen wird.

Vergangenheitsbewältigung sei sein Werk nicht, betont Grass. "Dieser Teil der deutschen Vergangenheit ist nicht zu bewältigen. Es wird uns unsere Vergangenheit immer wieder einholen." Für die Autoren seiner Generation habe darum gegolten: "Ob wir wollten oder nicht - das Thema war uns vorgeschrieben."

Und auch heute noch - mit 87 Jahren - denkt der Autor nicht daran, mit dem Schreiben aufzuhören. "Ich weiß, es gibt viele, die sagen, ich soll aufhören. Aber ich denke nicht dran." Und daran ändern auch Kritiker nichts, über die er sagt: "Der Unterschied ist, dass die Kritiker, die es kritisiert und verrissen haben, das Buch wenigstens gelesen hatten. Das kommt heute seltener vor." Als er nach der Lesung am Signiertisch Platz nimmt, hat sich davor schon eine meterlange Schlange aufgebaut.