Bukarest - Der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu bekommt am 11. März den diesjährigen Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Im dpa-Interview spricht er über sein Leben und Schreiben sowie über seine Angst vor neuen Konflikten in Europa.

Frage: Sie haben das Wort "Texistenz" erfunden - diese Synthese von "Text" und "Existenz" wirkt wie ein Schlüsselbegriff in der "Orbitor"-Trilogie. Wie kamen Sie darauf?

Antwort: Er bezeichnet vor allem den Zustand des Textproduzenten und insbesondere des Romanciers. Autoren meiner Art haben ein Doppelleben. Wir schreiben Bücher, um für eine Weile in deren Klima, in deren Atmosphäre zu leben. Dabei habe ich das Gefühl, dass nichts den Text vom Leben trennt, dass es zwei Seiten sind, die dieselbe Seite der Möbius-Schleife bilden. Das Leben des Geistes und des Körpers - und allerlei andere Dinge, die wir durch unsere europäische Kultur gewohnt sind, getrennt zu sehen - sind eigentlich Seiten derselben Erscheinungen.

Frage: Sie waren in den 1980er Jahren Mitglied studentischer Literaturzirkel in Bukarest, wo Debütanten mit postmodernen Formen experimentiert haben.

Antwort: Bis 1981/82 kannten wir dieses Wort gar nicht, erst danach hatte ich zusammen mit meiner ganzen Generation die Offenbarung der Postmoderne. Damals hatten wir plötzlich das Gefühl, dass uns nicht nur der Begriff "Generation" verbindet, sondern die Zugehörigkeit zu einer anderen literarischen Strömung. Die Postmoderne wurde für uns zu einer Art Fetisch, alles was wir taten, kam uns postmodern vor. Wir benutzten den Begriff nicht als Konzept, sondern als Waffe. Postmodern zu sein hieß für uns, anders zu sein als die anderen.

Frage: War dies auch eine politische Geste der Opposition gegen die kommunistische Diktatur?

Antwort: Nein, es war kein politischer Impuls, sondern ein rein ästhetischer. Es war ein literarisch-ideologischer Begriff. Wir dachten, dass ein Vers oder eine Erzählung wichtiger sind als alles auf der Welt. Wir waren Fanatiker der Idee von Literatur. Aber unsere innere Freiheit war sicherlich eine politische Geste.

Frage: Das postmoderne Denken ruht auf liberalen, demokratischen Fundamenten. Jetzt scheinen diese Werte gefährdet - von Seiten der Islamisten und autoritärer Strömungen aus Russland - und diese haben sogar mitten in Europa Anhänger. Woran liegt das?

Antwort: Ich glaube dass die EU noch zu jung ist, dass sie ihre inneren Konflikte noch nicht gelöst hat. Zudem ist durch die Revolution der elektronischen Welt und der Medien ein neuer Menschentypus aufgetaucht, den seine historischen Wurzeln nicht mehr interessieren, der den Augenblick lebt, hedonistisch lebt - und der zugleich einen Schuldkomplex wegen des eigenen Wohlstands hat. Daher kommt auch die gewaltige Reaktion gegen Kapitalismus und Establishment. Zum Beispiel sind die riesigen Verbrechen des Kommunismus vergessen worden, während jene des Faschismus noch Teil des kollektiven Gedächtnisses sind. Es gibt die Versuchung, den marxistischen Diskurs wieder aufzunehmen, den revolutionären Antisystem-Diskurs. Dies ist irgendwie verständlich, andererseits aber führt es zu einer tiefen Spaltung innerhalb Europas.

Frage: Europa trennt das Rationale vom Metaphysischen, sagen Sie. In Ihrem Werk treffen sich beide Welten. Sind Sie religiös?

Antwort: Ich bin ein Dichter. Was bleibt von der Philosophie? Ein paar wunderbare poetische Zeilen von Platon und von allen großen Philosophen bis hin zu Wittgenstein. Was ist das Wunderbarste an der Mathematik? Alle Mathematiker sprechen von der Anmut einer Formel, von der Zartheit und Schönheit einer Beweisführung. Auch das ist Poesie. Was bleibt von den großen realistischen Romanen, von Balzac, von Dostojewski? Auch die Poesie. Was bleibt von den Wissenschaften? Die Poesie. Die große Poesie der Welt heutzutage ist die Wissenschaft.

Frage: Ist die "Orbitor"-Trilogie ein philosophischer Roman?

Antwort. Ich schreibe keine Romane, ich habe es unzählige Male gesagt. Ich habe einfach Bücher geschrieben. Diese Bücher beschreiben den einzigen Menschen, den ich von innen her kenne, nämlich mich selbst. Ich bin ein Cartarescologe. So ziemlich alles - dies kann ein Beweis der Kraft oder der Schwäche sein - habe ich aus Inspiration geschrieben und stets ohne Streichungen, direkt, in einem Zug.

Frage: Zu Ihren unteren Fäden gehört neben Mythologie, Philosophie und Wissenschaft auch das rumänische Märchen.

Antwort: Das erste Buch, das ich als Kind gelesen habe, waren rumänische Volksmärchen. Ich konnte kaum erst lesen, ich verstand nicht, was der \'Drache der Drachen\' bedeutet, der \'Blumenmann-mit-Seidenbart\' - all das fand ich phantastisch, rätselhaft und berührend. Einige Teile aus "Orbitor" stammen von dort. Ich glaube, ich bin mit dem Märchen noch nicht fertig. Einmal möchte ich ein Buch schreiben, das ganz und gar von dort stammt, das eigentlich ein riesiges Märchen werden soll.

Frage: Was hat Ihnen die rumänische Kultur gegeben?

Antwort: Sie hat mir vor allem "Die Levante" gebracht.

Frage: Ja, jenes sehr amüsante Versepos, das leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Antwort: Dieses Buch fußt auf der rumänischen Kultur, auf jener großartigen Mischung orientalischer und westlicher Eigenschaften, die auf dem Balkan zu finden ist. Die Mesalliance zwischen Hochkultur und Volkskultur ist eine Eigenheit der Postmoderne. Es ist eine hedonistische Welt, deren merkwürdige Metaphysik aus der Mischung von Gut und Böse, Reinheit und Verworfenheit, Schlamm und Sternen entsteht.

Frage: Ist Europa kulturell eine Einheit?

Antwort: Die EU ist nicht zur Rettung der Kultur geschaffen worden, sondern vor allem zur Verteidigung gegen wirtschaftliche Konkurrenten. Europas einzige Chance ist es, auch aus geostrategischen Gründen, geeint zu bleiben, um die von überall herkommenden Gefahren abzuwehren: ISIS, El Kaida, Russland. Die Lage ist gefährlich, und dies kam plötzlich. Noch im vorigen Jahr hatte ich dieses Gefühl nicht.

Frage: Fühlen Sie sich bedroht?

Antwort: Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich durch die globale politische Situation bedroht. Ich habe Leute getroffen, die schon an Auswanderung denken, oder daran, aus Bukarest aufs Land zu ziehen, um Gefahren weniger ausgesetzt zu sein. Ja, ich gebe zu, wir haben Angst, ich habe Angst.

ZUR PERSON: Mircea Cartarescu (58) ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Rumäniens und war einer der ersten postmodernen Künstler seines Landes. Geboren 1956 in Bukarest, lehrt er an der Universität seiner Heimatstadt rumänische Literaturwissenschaft.