Leipzig - Die deutsch-israelischen Beziehungen sind dieses Jahr Schwerpunktthema bei der Leipziger Buchmesse. Der israelische Autor Meir Shalev ("Zwei Bärinnen") sagt im dpa-Interview, wie er das Verhältnis 50 Jahre nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen sieht.

Frage: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel?

Antwort: Es geht um diplomatische Beziehungen zwischen zwei Ländern und zwei Regierungen. Was die Menschen betrifft, ist es etwas ganz anderes. Es gibt Leute in Israel, die diese Beziehungen ablehnen, und es gibt Leute, die glücklich darüber sind. Wirklich empört sind die Menschen in Israel, wenn ein Orchester Wagner spielt. Da werden sie echt sauer, auch wenn sie nicht vor der Deutschen Botschaft protestieren.

Frage: Was ist Ihre persönliche Meinung?

Antwort: Ich unterstütze die politischen Beziehungen. Aber der Holocaust war eine Katastrophe, die das israelische Volk nie vergessen wird. Wir haben ein sehr langes Gedächtnis, was die Katastrophen unserer Vergangenheit angeht. Wir erinnern uns auch noch an die Vertreibung Israels durch die Römer vor 2000 Jahren. Und trotzdem haben wir Beziehungen zu Italien. Es sind einfach zwei verschiedene Dinge.

Frage: Sie haben in Deutschland viele Fans ...

Antwort: Die Deutschen sind gute, ernsthafte Leser. Ich merke das bei meinen Auftritten in Buchhandlungen. In Italien, Frankreich oder Spanien fragen mich viele Leute nach politischen Themen. In Deutschland fragen die Menschen nach meinen Geschichten, nach meinen Figuren. Das mag ich lieber.

Frage: Haben Sie Verständnis für Juden, die in Deutschland leben?

Antwort: Ich verstehe fast alles, was Menschen machen. (schmunzelt) Persönlich würde ich nie aus Israel wegziehen - dafür bin ich mit meinem Land, mit meinem Volk und vor allem mit meiner Sprache zu sehr verbunden. Aber es macht mich traurig, dass im Augenblick so viele junge Israelis nach Berlin ziehen - nicht, weil sie Berlin plötzlich lieben, sondern weil die Bedingungen für junge Menschen bei uns so schwierig sind. Dafür mache ich unsere Regierung verantwortlich.

Frage: Fürchten Sie einen neuen Antisemitismus in Deutschland?

Antwort: Antisemitismus gab es schon immer, damit müssen wir leben. Aber ich sehe keinen neuen Holocaust heraufziehen. Es gibt immer so ein Auf und Ab. Das ist jedoch nicht nur in Deutschland so, sondern in ganz vielen anderen Ländern auch. Aktuell hat es allerdings auch viel mit dem Nahost-Konflikt zu tun.

ZUR PERSON: Meir Shalev, geboren am 29. Juli 1948 im israelischen Nahalal, gilt als eine der wichtigen zeitgenössischen Stimmen in Israel. Er setzt sich für eine Zwei-Staaten-Lösung und die Rückgabe der besetzten Palästinensergebiete ein. Zu den Büchern, die auch auf Deutsch erschienen sind, gehören "Judiths Liebe", "Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauber" und "Zwei Bärinnen".