Hamburg - Kirsten Boies Leser können eigentlich nur hoffen, dass die Autorin möglichst oft mit dem Auto im Stau steht.

"Ich weiß noch genau, an welcher roten Ampel in Hamburg-Winterhude ich ewig lange warten musste, als mir plötzlich die Idee zu "Seeräuber-Moses" kam", erzählt die Schriftstellerin, die am 19. März 65 Jahre alt wird. "Auf einmal hatte ich im Kopf dieses Bild von wilden Seeräubern, die ein Baby auf dem Wasser finden, um das sie sich kümmern müssen - und das ist auch noch ein Mädchen." 2009 erschien das Buch dazu - eines von mehr als 80 der in der Nähe von Hamburg lebenden Kinder- und Jugendbuchautorin.

Kaum ein Kinderzimmer, in dem sich nicht eine Boie-Geschichte findet - seien es Bilderbücher, Geschichten über den kleinen "Ritter Trenk", Seejungmann "Nix", Meerschweinchen King-Kong, die "Möwenweg"-Kinder oder Jugendromane wie "Skogland" und zuletzt "Schwarze Lügen". Die Frau mit den blonden Haaren, die gerne lacht und im Interview immer wieder begeistert über Erlebnisse mit ihren Lesern spricht, feiert nicht nur Geburtstag, sondern auch Jubiläum als Schriftstellerin. 30 Jahre liegen zwischen dem am 20. März erscheinenden Band "Ferien im Möwenweg" und dem Debüt "Paule ist ein Glücksgriff".

Als Glücksgriff erwies sich nicht nur "Paule", sondern auch Boie für den Hamburger Verlag Friedrich Oetinger, der über ein Zitat von Schriftsteller James Krüss (1926-1997) zu berichten weiß, das dieser der Debütantin Boie einst mit auf den Weg gab: "Von Ihnen wird man noch reden, wenn ich längst keine Bücher mehr schreibe." Überzeugt mit ihrem schriftstellerischen Können hat die Autorin seither nicht nur Leser im In- und Ausland. Sie erntete Auszeichnungen vom Deutschen Jugendliteraturpreis bis zum Bundesverdienstkreuz, Schulen tragen ihren Namen. Einen der jüngsten Preise erhielt sie für ihr Buch über Aids-Waisen in Afrika ("Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen").

Dabei war der "Paule"-Glücksgriff aus der Not entstanden. Die einstige Lehrerin war gezwungen, ihren Beruf aufzugeben. 1983 adoptierten die gebürtige Hamburgerin, die seit langem gleich hinter der Grenze der Hansestadt in Schleswig-Holstein lebt, und ihr Mann ihr erstes Kind (wie "Paule"). Als sie nach einer Pause wieder arbeiten wollte, war das zuständige Jugendamt dagegen. "Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, aber es war damals so. Es war kein Gesetz, aber eine individuelle Entscheidung des jeweiligen Jugendamtes", erzählt Boie. "Man hätte uns das Kind sicher nicht weggenommen, aber wir wollten ein zweites." So begann sie zu schreiben.

Nicht mehr als Lehrerin arbeiten zu können, fiel ihr schwer. "Mein Lebensentwurf sah immer vor: Familie mit Kindern und Beruf", sagt sie und betont: "Ich war wirklich gerne Lehrerin." Man merkt es ihr an, wenn sie über ihre Veranstaltungen mit Kindern geradezu ins Schwärmen gerät. "Das Gespräch mit ihnen ist mir mindestens genauso wichtig wie die Lesung", erklärt sie. "Erwachsene Zuhörer sind natürlich viel unanstrengender, aber viel weniger witzig." Auch die beiden Jubiläen will ihr Verlag mit einer Matinee und Hunderten Kindern am 21. März im Hamburger Ernst Deutsch Theater feiern.

Kinder stellten - neben ihrem Interesse daran, ob sie einen Hund habe oder doch mal ein Pferdebuch schreiben werde (beide Antworten lauten: Nein) - ganz offen die entscheidenden Fragen: "Wie viele Bücher ich geschrieben habe, wie alt ich bin, woher meine Ideen kommen und wie viel ich verdiene", sagt Boie grinsend und erläutert an der Frage nach dem Verdienst, was sie darauf antwortet: "Dann erkläre ich ihnen, dass Autoren nicht das ganze Geld bekommen, weil das ungerecht wäre. Einer hat die Bilder gemalt, einer hat das Buch gedruckt, einer hat es gebunden und, und, und."

Wenn sie in der jüngsten Zeit erzählt habe, dass sie 65 Jahre alt werde, folge allerdings oft die Frage "Darfst du dann überhaupt weitermachen?", berichtet Boie. "Ich habe die Hoffnung, dass nicht dahinter steht: Dann kann die aber auch mal so langsam aufhören", sagt sie und lacht noch lauter. "Solange ich noch Ideen habe, solange es mir noch Spaß macht zu schreiben und solange es noch Leser gibt, die das lesen wollen, solange möchte ich weiterschreiben", betont sie. "Wenn aber etwas davon wegfällt, dann ist Schluss."

Gleich frühmorgens und mit einer Tasse Tee sitzt die Autorin stets an ihrem Laptop. Wenn sie gerade ein Kinderbuch geschrieben hat, sollte es danach wieder ein Jugendroman sein und umgekehrt. "Bisher gehen mir die Ideen nicht aus", sagt Boie, klopft schnell auf den Tisch und meint: "Hoffentlich ist das Holz!" Noch in diesem Jahr sollen die Verfilmungen ihrer "Möwenweg"-Kinder (Fernsehen) und ihres Helden "Ritter Trenk" (Kino) zu sehen sein. Im Herbst erscheint ihr nächstes Buch, über das sie noch nichts verraten will. Nur so viel: "Die Idee dazu hatte ich wieder an einer Ampel."