Lübeck - Eine solches Museum wie das Günter Grass-Haus in Lübeck dürfte in Deutschland einzigartig sein.

In einem erstmals im Jahre 1320 erwähnten Bürgerhaus in der Lübecker Altstadt gelegen, verwinkelt und behutsam mit moderner Architektur kombiniert: Den Innenhof schmücken Skulpturen von Grass - darunter ein Butt und Windhühner als Anspielungen auf literarische Werke des am 13. April gestorbenen Literaturnobelpreisträgers und bildenden Künstlers. "Das Besondere ist aber die Aura des Ortes", betont der Leiter des Grass-Hauses, der Germanist Jörg Philipp Thomsa (35).

Nach seinem Umzug von Berlin nach Lübeck 1995/1996 richtete Grass sein persönliches Sekretariat im zweiten Stock des Bürgerhauses mit typischer Altstadtfassade ein. "Das war der Nukleus", sagt Thomsa. Im Jahre 2002, also drei Jahre nach dem 1999 verliehenen Nobelpreis, eröffnete die Stadt Lübeck im selben Haus das Museum - um neben dem Buddenbrookhaus für Thomas Mann auch für den zweiten Literaturnobelpreisträger der Hansestadt ein Forum zu schaffen.

Träger ist die Kulturstiftung der Stadt - also ein unabhängiges öffentliches Museum bereits zu Lebzeiten über einen Künstler, der im selben Haus sein privates Sekretariat hat! Fast jede Woche sei Grass, der eine halbe Autostunde entfernt am Rande des Dorfes Behlendorf lebte, gekommen, um Korrespondenzen oder Manuskriptarbeiten zu erledigen.

War es ein Segen oder ein Fluch, dass Grass im zweiten Stock eigene Räume hatte? Über diese Frage muss Thomsa schmunzeln, und antwortet "eindeutig ein Segen, aber es hat manchmal trotzdem Diplomatie erfordert... Wir sind immer völlig unabhängig in unserer Arbeit gewesen. Trotzdem bin ich ihm für die intensiven Gespräche und die unzähligen Veranstaltungen, die wir zusammen erlebt haben, sehr dankbar."

Die Chemie zwischen beiden stimmte. "Ich konnte viel sprechen mit Günter Grass über sein Leben und sein Werk oder aktuelle Ausstellungs- und Forschungsprojekte." Thomsa ging oft mit dem Autor zwanglos einen Espresso trinken in der Weinhandlung direkt nebenan, für die Grass viele Jahre humorvolle Weinetiketten mit seinen legendären Tierfiguren zeichnete ("Danach übte die Ratte den aufrechten Gang" oder "Bis morgen früh der Hahn kräht") und deren Besitzer Kurt Thater Grass mit zur Nobelpreisvergabe nach Stockholm eingeladen hatte.

Grass mochte die Glockengießerstraße, weil hier viele Türken wohnten, die sich wie er - der Flüchtling aus Danzig - zwischen zwei Welten fühlten. "Dieses Ambiente mitten in der als Unesco-Welterbe geschützten Altstadt , die Backsteingotik, die Kirchen, die Lage an der Ostsee", erinnert sich Thomsa.

Die historische Bürgerhausfassade der Glockengießerstraße Nr. 21 verrät nicht, dass hier ein Museum ist, dafür aber eine beschriftete Glassäule davor und der Grass gewidmete Shop im Erdgeschoss mit Schaufenster. Buchausgaben, Ausstellungskataloge, Kunstwerke, aber auch eine Spielzeug-Blechtrommel warten auf Käufer. Im Eingangsbereich hängen an der Decke Buchausgaben in diversen Sprachen, darunter Chinesisch und Hebräisch. Jeder Besucher löst eine "Hördusche" aus, Mario Adorf liest positive und negative Zitate über Grass: "Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent, um so dicke Bücher zu schreiben" (der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt , 1921-1990) oder "Was ist eigentlich das Allerpeinlichste an Günter Grass? Die polternde Selbstgewissheit" (der Kieler Autor Dirk von Petersdorff (49)).

Der kurze Weg über den Innenhof führt zum modernen Anbau mit jährlich aktualisierter Dauerausstellung, einem Kino-"Zimmer" mit den vier Grass-Verfilmungen und Multimedia-Touchscreen-Tischen, die den Besucher per Fingerdruck über gewünschte Themen informieren. Jedes Jahr können Besucher aus mehr als einem Dutzend Vorschlägen ein Thema aussuchen, das als nächstes die Ausstellung bereichern soll. Nach der Sexualität im Werk von Grass sowie seiner Soldatenzeit - mit der erst spät öffentlich gemachten Mitgliedschaft in der Waffen-SS als 17-Jähriger kurz vor Kriegsende - läuft zurzeit die Abstimmung über das nächste Modul. Knapp vorn liegt "Grass und der Islam" vor "Grass und die Ostsee".

Eine Regalwand bietet den "Kosmos Grass" - Gegenstände, die für sein Leben stehen. Dazu gehören Bücher, die ihn geprägt haben (etwa von Albert Camus "Der Mythos des Sisyphos", aber auch Tonfiguren und Skulpturen tanzender Paare - Grass war ein begeisterter Tänzer. Ein Waschbrett erinnert an Grass als Jazzmusiker in seiner Jugend.

Das Obergeschoss bietet Platz für komplexe Sonderausstellungen - zurzeit über die Grass-Novelle "Im Krebsgang", ergänzt mit aktuellen Kunstwerken internationaler Künstler und historischen Dokumenten. Dazu gehört auch Hitlers Rede vom 30. Januar 1945 - dem zwölften Jahrestag des Machtantritts der Nazis. Die Rede über grenzenlosen Einsatz für den Sieg kann jeder Besucher sich an einer Hörstation zumuten. Während die Rede auf der "Wilhelm Gustloff" aus allen Lautsprechern dröhnte, versank das von einem russischen Torpedo getroffene Schiff mit mehr als 10 000 Menschen an Bord in der eisigen Ostsee. Am Schicksal der Gustloff zeichnet Grass in seiner Novelle das Leid der Deutschen im selbstverschuldeten Krieg nach.

Beeindruckt von der multimedialen Ausstellung zeigen sich die beiden Schülerinnen Julia und Antonia aus Kiel, die mit ihrem Deutschkurs hier sind. Nächste Woche schreiben die 18-Jährigen ihre Abiturarbeit über Grass. "Bei uns in der Familie ist das Trauma Gustloff ein besonderes Thema, weil meine Oma mit dem Schiff fahren wollte, aber zu spät kam", sagt Jule. "Mich spricht die Dauerausstellung sehr an, weil man hier mehr über die Person Grass erfährt", sagt Antonia.