Berlin - Als "Verschwindefluch" bezeichnet Autorin Bascha Mika ein Phänomen, das bei Frauen in der zweiten Lebensphase zunimmt: Männer auf der Straße riskierten keinen zweiten Blick mehr, selbst von anderen Frauen würden sie ignoriert.

Fast könnte man glauben, der Fluch habe die frühere Chefredakteurin der "taz" selbst ereilt - zum verabredeten Termin in einem Berliner Café ist sie schwer zu finden. Mika (60) sitzt wie versteckt hinter einer Ecksäule. Doch sobald sie anfängt, über ihr neues Buch zu reden, ist sie umso präsenter.

Denn Mika hat eine Botschaft, die gehört werden soll. Sie lautet: Altern ist nicht einfach nur eine biologische Tatsache, sondern gesellschaftlich gemacht. In ihrem Buch "Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden" nennt sie das "Doing Aging" - ähnlich wie bei der Gender-Theorie, nach der das typische Rollenverhalten nicht einfach nur biologisch vorgegeben, sondern etwa durch Erziehung kulturell geprägt wird.

Vor allem Frauen haben nach Mikas Analyse bei den kursierenden Vorstellungen vom Alter nichts zu lachen: Mit jedem Jahr zusätzlich kassierten sie Minuspunkte. Sie verlieren angeblich an Attraktivität, Sichtbarkeit und Erfolg im Arbeitsleben. Ganz anders die Männer: Sie gewinnen an Charisma, Erfahrung und Bauchumfang - was ihrem Marktwert aber scheinbar nicht schadet. Was unser Alter bedeute, hänge also davon ab, ob wir Mann oder Frau seien, diagnostiziert die Autorin.

Mika beackert das altbekannte Thema bei weitem nicht als Einzige: Die Fernsehmoderatorin Christine Westermann (65) hat sich schon im vergangenen Jahr in ihrer Autobiografie "Da geht noch was" mit "Chicken Wings" an den Oberarmen, der Scheu beim Flirten mit jüngeren Männern und der Frage, wie lange sie noch im Fernsehen auftreten will, auseinandergesetzt.

Zumindest statistisch spricht sie damit eine große Zielgruppe an: Der geburtenstärkste Jahrgang wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Laut dem Mikrozensus 2011 waren in Deutschland rund acht Millionen Frauen zwischen 50 und 64 Jahre alt. Zum Vergleich: In der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre waren es nur drei Millionen.

Selbst die Kosmetik-, Mode- und Modelbranche scheint auf den Trichter gekommen zu sein: Unilever verkauft seit ein paar Jahren die Serie "Dove Pro Age" und bewirbt Cremes und Shampoos mit nackten, silberhaarigen Frauen. Modelagenturen in München und Hamburg suchen Frauen wie Männer mit Lebenserfahrung und Ausstrahlung, Falten inklusive. Und der New Yorker Streetfotograf Ari Seth Cohen widmet sich in seinem Blog "Advanced Style" ausschließlich in die Jahre gekommenen Menschen, die seiner Meinung nach stylish und kreativ rüberkommen.

Klingt doch alles andere als nach Verschwinden, oder Frau Mika? "Das ist schon eine tolle Entwicklung", räumt sie ein. "Aber wir dürfen uns nicht einbilden, dass nur, weil sich an bestimmten Stellen etwas verändert hat, wir damit schon die Bilder und Vorurteile geändert haben!" Sie bleibt dabei: Eine Frau gilt heute vielleicht erst mit 60 statt mit 50 Jahren als alt. Spätestens dann wird sie aber mit denselben Klischees und abwertenden Urteilen konfrontiert - die sie sich perfiderweise auch noch selbst zu eigen macht. Das heißt: Frauen taxieren untereinander gnadenlos, bis eine das Urteil fällt: "Na, ganz frisch ist die auch nicht mehr."

Im "Doing Aging" steckt aber auch Potenzial, glaubt man Wissenschaftlern: "Ich kann es nutzen, um mein eigenes Bild vom Altern zu entwerfen. Um zu sagen, ich bin 50, selbstbestimmt, kann reisen und muss mich nicht dem Schönheitsdiktat unterwerfen", sagt Barbara Städtler-Mach, Professorin an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg. Sie beschäftigt sich mit den Themen Alter und Schönheit. Bei den Bildern in den Köpfen müsse sich aber noch einiges ändern, stimmt sie Mika zu. "Frauen müssen die Spielregeln ändern. Etwa, indem sie zu ihrem Alter stehen, ohne Rechtfertigungen und Erklärungen à la "Ich fühle mich aber jünger"."

Nicht weniger will Mika von den Frauen: "Wir müssen selbst definieren, wie wir uns mit 50 fühlen. Wenn das Älterwerden gesellschaftlich gemacht ist, kann es auch anders gemacht werden."

- Bascha Mika: Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. C. Bertelsmann. 320 S. Euro 17,99, ISBN 9783570101704.