Frankfurt/Main - Das grazile Kleid der schwarzen Lady auf der Fotografie und die Augen der "wahnsinnig schönen" Besucherin auf der Ausstellung: Hans Achberg liebt Frauen - im echten Leben und in der Kunst. Dafür tut der Kunstsammler fast alles. Und zahlt einen hohen Preis.

Als er glaubt, die Steuerfahndung sei ihm auf den Fersen, nimmt Wolfgang Herles\' Roman "Susanna im Bade" die Züge eines Krimis an. Zugleich bietet der Autor einen feinen, satirischen Einblick in den Kunstbetrieb.

Hotelzimmer, Ausstellungen, Cafés: Achberg, in den Fünfzigern, ist Teil des Kunst-Zirkus\'. Er zieht von Ausstellung zu Ausstellung. Venedig, Basel, London, Miami. Aber es ist nicht mehr so, wie es vor Jahren noch war - die Finanzkrise hat ihre Spuren hinterlassen. Achberg kann längst nicht mehr mithalten. Verkaufen kommt für den Kunstsammler aber nicht infrage.

Denn Achberg ist süchtig. Als er zu Romanbeginn auf der Biennale die Fotografie mit der schwarzen Lady betrachtet, ist klar: "Ohne diese von hinten beleuchtete Fotografie, die Lightbox von Jeff Wall, ohne die Frau im viktorianischen Kostüm, ist Achbergs Sammlung nicht mehr denkbar. Er weiß es in dem Moment, in dem er sie zum ersten Mal sieht." Denkbar ist Achbergs Leben auch nicht mehr ohne die Kunstberaterin Susan aus London ("die absolute Harmonie aller Einzelheiten"), die er auf der Biennale trifft und seitdem etwas unbeholfen um sie wirbt.

Autor Herles - vielen bekannt aus der ZDF-Literatursendung "Das blaue Sofa" - bringt viel Kunst in seinem Roman unter. Die Figuren unterhalten sich darüber, Herles überschreibt jedes der zehn Kapitel mit einem Werk (darunter von Jeff Wall, Roy Lichtenstein, Alberto Giacometti). Der Roman beginnt mit einer Beschreibung der schwarzen Lady, womit der Autor gleich eine der Stärken seines Romans zeigt: Figuren in der Kunst lässt er fast zu Figuren der Handlung werden.

Der Titel "Susanna im Bade" erinnert an die biblische Geschichte der verheirateten Susanna aus Babylon, die von zwei älteren Männern beim Baden in einem Garten überrascht und bedrängt wird. Weil sie sich ihnen verwehrt, erfinden sie aus Zorn eine Lügengeschichte: Susanna habe sich mit einem jungen Mann eingelassen. Vor Gericht wird sie zum Tode verurteilt - Prophet Daniel kann die Vollstreckung aufhalten und befragt die Männer unabhängig voneinander. Als sie sich in Widersprüche verstricken, ist Susannas Unschuld bewiesen. Die Geschichte ist Teil der Kunstgeschichte - immer wieder animierte sie Künstler, sie darzustellen. Und Herles spielt erneut mit Kunst im Roman: Er lässt eine seiner Figuren diese Geschichte erzählen.

Herles, der vor diesem den Roman "Die Dirigentin" veröffentlicht hatte, sagte der Nachrichtenagentur dpa darüber: "Der Roman ist voller Badeszenen, echten, gemalten, im Meer und in der Wanne. Das Bad als Ort der Verführung, aber auch der Reinigung. Die biblische Geschichte von der schönen Susanna (Susan ist eine Hauptfigur), die bedrängt wird von älteren Herren, symbolisiert meine Geschichte, steht aber auch für die Kunstgeschichte (von Tintoretto bis heute). In der Susanna im Bade verbinden sich so die beiden Leidenschaften, die zu einer verschmelzen: Lieben und Sammeln."

Herles, der viele Jahre das Bonner ZDF-Studio leitete, Redaktionsleiter des ZDF-Kulturmagazins "aspekte" war und bereits eine Reihe von Büchern, darunter mehrere Sachbücher, veröffentlichte, hat in dieses Geflecht einen Ruhepol installiert. Eine Anlaufstelle für Achberg: Klara Salzheber, 55, solvente Besitzerin von mehreren Hotels und auch Teil der Clique. Obwohl er mit ihr schläft, läuft sie außerhalb seines Beuteschemas.

Ihr kann er seine Sorgen anvertrauen, ihr kann er sagen, wie schlecht es wirklich um ihn steht. Klara dagegen malt sich eine Beziehung mit ihm aus. "Sie nimmt ihn bei der Hand; er scheint nichts Aufregendes daran zu finden." Er stellt rationale Überlegungen an: "Für sie sprechen Alltagskompetenz, praktischer Sinn für das Leben, zupackende Güte und ein Dutzend Hotels. Es gibt unangenehmere Pflichten als mit ihr zu vögeln." Klara ist aber nicht nur die Frau, die Achbergs Gunst gewinnen will, sondern eine Figur, die im Hintergrund die Fäden der Handlung zieht. Und die dafür verantwortlich ist, dass Achberg immer mehr merkwürdigere Dinge passieren, die ihn immer tiefer in den Abgrund ziehen.

Musik in "Die Dirigentin", Kunst in "Susanna im Bade" - folgt als nächstes ein Roman über Literatur? Herles dazu: "Eine Trilogie ist nicht geplant. Ich werde nicht übers Schreiben schreiben. Andere Themenfelder interessieren mich mehr."

- Wolfgang Herles, Susanna im Bade. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 272 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-10-033188-5.