Berlin - Ein zwölfjähriger Junge beschließt, Tagebuch zu führen. Allerdings kein gewöhnliches Tagebuch, sondern das Journal seines Körpers.

"Ich werde nicht nur die starken Empfindungen beschreiben, die großen Ängste, die schlimmen Krankheiten, Unfälle, sondern absolut alles, was mein Körper empfindet. Zum Beispiel das Streichen des Windes über meine Haut, den Lärm, den die Stille in mir erzeugt, wenn ich mir die Ohren verstopfe, den Geruch von Violette, die Stimme von Tijo." Tatsächlich dokumentiert der 1923 geborene Franzose so über Jahrzehnte sein Leben, bis er im gesegneten Alter von 87 Jahren an den Folgen einer Anämie stirbt.

Daniel Pennacs (69) Idee, das Leben eines Menschen als Geschichte seines Körpers zu erzählen, ist auf den ersten Blick bestechend. Aber sie birgt auch eine Gefahr. Allzu leicht könnte ein ärztliches Bulletin daraus werden, eine Art Wasserstandsmelder über den Gesundheitszustand eines Menschen. Ein solches Buch wäre sehr schnell sehr langweilig, vor allem wenn das hier ausgebreitete Leben fast neun Jahrzehnte währt. Doch der Franzose ist ein zu guter Schriftsteller, um in diese Falle zu tappen.

Sein Roman "Der Körper meines Lebens" ist gerade deshalb so lesenswert, weil es ihm gelingt, in der Beschreibung biologischer Phänomene menschliche Entwicklungen und sogar komplexe soziale Beziehungen darzustellen, und das auf sehr unterhaltsame Art.

Wie jeder Pubertierende ist der Junge mit seinem Aussehen unglücklich. "Ich erkenne mich nicht!", klagt er seinem pickligen Spiegelbild. Heute drei Mitesser auf der Nase, morgen geschwollene Brustwarzen - der Körper ist zu einem schwer kalkulierbaren Risiko geworden: "Wir wissen nicht, von wo aus der Körper uns als Nächstes überrascht."

Der Junge hat seinem Spiegelbild den Kampf angesagt, vor allem weil seine Mutter seine Schwächlichkeit verachtet. Er möchte werden wie der muskelgestählte Mann aus seinem Biologiebuch. So beginnt er ein Boxtraining, wird breiter, größer, kräftiger. Im Jungeninternat erhitzen er und seine Kameraden ihre aufblühende erotische Phantasie derweil mit selbst erfundenen Gesellschaftspielen: "Monsieur Damas hat Sie in flagranti bei einsamen Vergnügen erwischt und Ihnen kalte Duschen verordnet. Auf Feld 5 zurückkehren und 2 Runden aussetzen." Doch dann kommt der Krieg dazwischen: "Unsere Entjungferung muss auf bessere Zeiten warten."

Der Tagebuchschreiber begegnet Mona, der Liebe seines Lebens, wird Vater zweier Kinder und früh schon Großvater. Zu den Tragödien seines Lebens gehört der Verlust seines Lieblingsenkels. Für Jahre verstummt er. Die verschiedenen Lebensabschnitte, so resümiert er, zeigen sich vor allem daran, wie wir unsere Körper vergleichen: mit fünfzehn schauen wir auf Bizeps und Bauchmuskeln, mit zwanzig auf die Wölbung in der Badehose, später sind die Haare an der Reihe, mit fünfzig der Bauch und mit sechzig die Zähne. Schließlich beginnt das Alter, indem man nur noch "ein zentrales, von vielfältigen Prothesen unterstütztes Hirn ist".

Doch der Tagebuchschreiber kann selbst den unangenehmsten biologischen Phänomenen noch humoristische Seiten abgewinnen, so wenn der 76-jährige die Kaskade seiner Altersfürze beschreibt: "Diese Perlenkette ist nicht immer so lautlos, wie mein sozialer Status, mein natürlicher Anstand und meine Greisenwürde es wünschen ließen."

Bei aller Direktheit ist Pennacs Buch niemals indiskret oder vulgär. Er beschreibt den Körper nicht aus der kalten Sicht des Mediziners, sondern desjenigen, der in diesem Gehäuse gefangen ist und es dennoch wie ein Außenstehender betrachtet, mal lustvoll und neugierig, dann wieder wütend oder resignativ, vor allem aber mit Humor als dem besten Mittel, diesen Körper ein Leben lang zu ertragen.

- Daniel Pennac: Der Körper meines Lebens. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 448 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-462-04619-9.