Berlin - Die sexuelle Revolution hängt in unserer Vorstellung untrennbar mit den 68ern zusammen. Wir verbinden sie mit Flower Power, Love and Peace, Langhaarigen, demonstrierenden Studenten, der Kommune 1 und Alice Schwarzer. Ganz bestimmt aber nicht mit gepuderten Perücken und Reifröcken.

Jetzt müssen wir allerdings umdenken: Es gab im 18. Jahrhundert schon einmal eine sexuelle Revolution, die die gesellschaftlichen Verhältnisse umwälzte.

In seinem Buch "Lust und Freiheit" erzählt der britische Historiker Faramerz Dabhoiwala ebenso profund wie unterhaltsam die Geschichte der "ersten sexuellen Revolution". Das Buch sorgte in Großbritannien und anderen Ländern bereits für Furore. Sechs große Zeitungen kürten es zum "Buch des Jahres".

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit herrschte eine "Kultur der Disziplin", wie Dabhoiwala sie nennt. Das heißt, Kirche und Staat kontrollierten durch einen rigiden Verhaltenskodex und drakonische Strafen das Sexualverhalten ihrer Gläubigen und Untertanen. Nur Sex in der Ehe war erlaubt. Außerehelicher Geschlechtsverkehr oder gleichgeschlechtlicher Sex wurden mit aller Härte verfolgt. Wie das aussah, beschreibt der Autor gleich zu Anfang.

Susan Perry und Robert Watson hatten nicht nur verbotenerweise außerehelichen Sex gehabt, sondern dabei auch noch ein Kind gezeugt. Im Jahr 1612 wurden sie deshalb von einem Londoner Gericht, das natürlich nur aus Männern bestand, zur öffentlichen Auspeitschung verurteilt. Anschließend vertrieb man sie aus der Stadt. Sie waren nun Aussätzige der Gesellschaft.

Die Motive, die hinter dieser "Kultur der Disziplin" standen: Frauen wurden als männlicher Besitz betrachtet und illegitime Sexualität bedrohte die patriarchale Gesellschaft; vor allem die Eigentumsrechte wurden durch unehelichen Nachwuchs gefährdet.

Doch Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts deutete sich eine Wende an. Die Macht der Kirche schwand, gleichzeitig verkündeten Philosophen der Aufklärung ein anderes Menschenbild. Sie forderten die Selbstbestimmung des Individuums ein. Damit ließ sich eine gegängelte Sexualität nur schwer vereinbaren. Außerdem wuchsen die Städte, in ihrer Anonymität ließ sich das Verhalten der Menschen kaum mehr kontrollieren.

Das Frauenbild wandelte sich. Waren Frauen bis dahin als lüsterne Verführerinnen in der Tradition der sündhaften Eva angesehen worden, so hielt man sie jetzt eher für Opfer aggressiver männlicher Sexualität. Prostituierte verfolgte man nicht länger, sondern tolerierte sie, "damit die züchtigen Frauen nicht in Versuchung geführt werden". Nämlich von lüsternen Männern.

Dabhoiwala zeigt an einigen interessanten Beispielen auf, wie die damalige sexuelle Revolution aussah. Vor allem reiche Männer stellten offen und ohne Scham ihr promiskes Liebesleben zur Schau. Kurtisanen wurden die bewunderten It-Girls ihrer Zeit, ihre Bilder wurden vervielfältigt und unters Volk gestreut. Es gab - zumindest in England - auch schon eine Form der Promipresse, die schlüpfrige Details aus dem Leben berühmter Mätressen ausbereitete - 100 Jahre zuvor noch undenkbar!

Vielleicht besonders überraschend: Auch Dr. Sommer wie in der "Bravo" war schon bekannt. Verschiedene Publikationen boten Lebenshilfe in Fragen von Sex, Ethik und Moral an. Einen Makel allerdings hatte die erste sexuelle Revolution: Von der neuen sexuellen Freizügigkeit profitierten zunächst einmal nur wohlhabende Männer. Frauen und Arme beiderlei Geschlechts wurden weiterhin kontrolliert und diszipliniert. Frauen mussten auf die zweite sexuelle Revolution im 20. Jahrhundert warten, um sich wirklich zu emanzipieren.

Es bleibt das Verdienst des Autors, erstmals die historischen Linien von der einen zur anderen Revolution aufgezeigt zu haben.

- Faramerz Dabhoiwala: Lust und Freiheit. Die Geschichte der ersten sexuellen Revolution, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 536 Seiten, 29,95 Euro , ISBN 978-3-608-94772-4.