Berlin Viele legendäre Musiker haben die Entwicklung des Jazz geprägt. Mit am Anfang stand der Kornettist Buddy Bolden.

Er vereinte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Elemente aus Blues, Gospel und Ragtime zu einem neuartigen Musikstil, der den Mitgliedern der Bands viel Raum für Improvisationen bot. Weltbekannt wurde diese Musik als Dixieland Jazz.

Nicholas Christopher lässt seinen Roman "Tiger Rag" im Juli 1904 beginnen. Buddy Boldens Band hat sich in einem Hotelzimmer in New Orleans getroffen, um erstmals ihre Musik aufzeichnen zu lassen. Eine neue Technik macht es möglich, bis zu vier Minuten am Stück auf eine Wachswalze aufzunehmen. Atmosphärisch dicht und detailreich beschreibt Christopher, wie die Band drei Fassungen eines heute weltberühmten Stückes spielt, des "Tiger Rag".

Der charismatische Bolden beherrscht die Szene. Christopher lässt den Posaunisten Willie Cornish Jahre später zurückblicken: "Er spielte wie ein im Licht aufblitzendes Messer, wie die Flosse eines Hais, die das Wasser durchschneidet."

Drei Walzen werden an diesem Tag aufgenommen. Drei verschiedene Männer nehmen sie mit, aber keiner kann sie bewahren. Das ist besonders tragisch, weil Bolden nie wieder seine Musik aufnehmen sollte. In mehreren bewegenden Szenen schildert Christopher, wie Bolden immer stärker in der Schizophrenie versinkt und schließlich völlig verstummt.

Die anderen Mitglieder von Boldens Band, deren Schicksal der Roman zeigt, fallen einem ungesunden Lebensstil geprägt von Alkohol, Eifersucht und Frustrationen zum Opfer. Immer weiter geraten die Walzen in Vergessenheit, die längst zu unschätzbar wertvollen Dokumenten der amerikanischen Kulturgeschichte geworden sind.

Im Wechsel mit diesen Episoden erzählt "Tiger Rag" eine auf den ersten Blick ganz andere Geschichte. Kurz nach ihrer Scheidung fährt im Jahr 2013 die Ärztin Ruby mit ihrer Tochter Devon, einer Jazzpianistin, von Miami nach New York. Erst ganz allmählich zeigt sich, wie auch bei diesen beiden die verschlungenen Wege des Lebens sich im Jazz widerspiegeln, zu dem sie beide eine äußerst persönliche Beziehung haben, die sich erst im Verlauf des Romans erschließt.

Wie ein gutes Jazzstück variiert der Roman sein Thema, gibt den einzelnen Mitspielern Raum zur Entfaltung und bringt am Ende alle Elemente in Einklang. "Dabei wird immer wieder ein Name genannt, eine verschwommene Gestalt, die sie alle beeinflusst und dann den Verstand verloren hatte." "Tiger Rag" ist eine würdige Hommage an Buddy Bolden und zugleich unterhaltsame und berührende Lektüre.

(Nicholas Christopher: Tiger Rag. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München, 311 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-26028-2)