Berlin - Für Jack the Ripper ist es der Ehre zu viel: Der soziopathische Killer der britischen Geschichte wird Namensgeber einer krimibessenen Gruppe amerikanischer Jugendlicher unter Leitung von Amanda, einem introvertierten Teenie.

Sie treffen sich regelmäßig im Internet, um fiktive Verbrechen zu untersuchen. Doch plötzlich wird aus dem Spiel Ernst. Der Ripper-Club macht es sich zur Aufgabe, eine Serie von realen Morden aufzuklären, die San Francisco erschüttern. "Amandas Suche" ist Isabel Allendes Krimi-Debüt.

Dass sich die Chilenin, die seit Jahren in San Francisco lebt, ausgerechnet an diesem Genre versuchte, geschah auf Initiative ihrer Agentin. Eigentlich wollte sich die Autorin ("Das Geisterhaus", "Zorro"), die am 2. August ihren 72. Geburtstag feierte, zur Ruhe setzen, denn sie hat schon (fast) alles erreicht. Immerhin wurden ihre durchweg erfolgreichen Bücher in 27 Sprachen übersetzt. Mehr als 50 Millionen verkaufte Exemplare sprechen für sich. Ein Thriller aber war noch nicht darunter und deswegen Anreiz genug.

Es gibt vieles in diesem jüngsten Buch, das an frühere Werke erinnert: Eine starke Frau steht im Mittelpunkt. Es gibt eine Vielzahl von Protagonisten, die alle auf ihre Weise sehr eigenwillig sind. Die Handlung ist ein bunter Reigen meist außergewöhnlicher Ereignisse. Das Ganze ist - wie so oft - kräftig angereichert mit Magie und Übersinnlichem. Nicht zuletzt bedient sich Allende auch hier wieder ihrer schönen an Metaphern reichen Sprache, die das Lesen vergnüglich macht. Dank an Übersetzerin Svenja Becker.

Vom Spannungsaufbau versteht die Romanautorin ebenfalls eine Menge, wie sie bislang zigmal bewiesen hat und auch jetzt wieder zeigt. Und doch: Wer sich in die Riege von Kriminalautorinnen einreiht, die ihre Beweisführung vor allem auf die psychologischen Hintergründe der Protagonisten aufbaut, muss sich Vergleiche gefallen lassen. "Amandas Suche" ist weit entfernt von der Raffinesse tiefgründiger Psycho-Thriller einer Patricia Highsmith oder auch einer Ruth Rendell. Im Gegenteil: Die Verhaltensanalysen Indianas (Amandas Mutter) oder Ryan Millers (Indianas Freund), sind klischeebeladen und wirken wie Ölkleckse auf einem Aquarell.

Die beiden sind neben Amanda die Hauptfiguren des Romans. Indiana ist eine unkonventionelle, alleinstehende Frau mit einem riesigen Sexappeal, heilenden Händen und intuitiven Diagnosefähigkeiten, die sich um alle Bedürftigen hingebungsvoll kümmert und mit sich und der Welt im Reinen ist. Dass auch sie von Amanda gesucht wird, gehört zum interessanten Plot. Ryan, ein Ex-Seal, ist der Prototyp eines amerikanischen Elitesoldaten, der mit jeder Gefahr fertig wird, nur nicht mit den Geistern seiner Vergangenheit. Hinzu kommen Amandas Großvater Blake, der die eigentliche Mutter ist, und Bob, der Vater des Mädchens und zudem Chefinspektor der Polizei.

Dass seine Tochter ihm bei den Ermittlungen immer eine Nasenlänge voraus ist, könnte lustig sein. Ist es aber nicht, da die meisten ihrer Erkenntnisse und die ihrer Ripper-Truppe von Bob selbst stammen. Die Morde, die sich als rituelle Hinrichtungen entpuppen, und ihre Aufklärung, Indianas Liebesleben, Amandas (unfertige) Charakterentwicklung oder Ryans geheime Missionen enthalten alles in allem zu viele Ungereimtheiten. Sollte der Ripper-Club vielleicht noch ein weiteres Mal zuschlagen, gibt es jedenfalls noch reichlich Luft nach oben. Aber: Unterhaltend ist sein erster Einsatz allemal.

- Isabel Allende: Amandas Suche, Suhrkamp Verlag Berlin, 479 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-5184-2410-0.