Berlin - Karlmann Renn sitzt am Bett seiner kleinen Tochter Luisa und versucht ihr zu erklären, warum der kranke Hund eingeschläfert werden muss.

"Papa, muss Bella wirklich sterben?", fragt Luisa und schon ist man mitten in einer philosophischen Betrachtung über Vergänglichkeit und Tod in Michael Kleebergs neuem Roman "Vaterjahre". Um es vorwegzunehmen: Ein vergnügliches Buch und ein großer Gesellschaftsroman, den man sich gut auf der Longlist des Deutschen Buchpreises hätte vorstellen können.

Karlmann nennt natürlich niemand den Romanhelden für Frau und Freunde ist er Charly. Diesen Charly hat Kleeberg seinen Lesern bereits 2007 in dem Roman "Karlmann" vorgestellt, darin schrieb man das Jahr 1985, Boris Becker gewann in Wimbledon, Charly Renn hatte Christine geheiratet und fühlte sich großartig.

Nun sind 16 Jahre vergangen, Charly ist geschieden, wiederverheiratet mit der Ärztin Heike, die Kinder Luise und Maximilian sind geboren, man wohnt komfortabel am Hamburger Stadtrand - ein unspektakuläres Leben, eine eigentlich banale Existenz, ein typischer Vertreter Kleebergs eigener Generation - 1959 geboren, wie der Autor. Charly ist ein Mann mit überschaubaren Interessen: Sport, Fernsehen, Freunde - "mit klassischer Musik, Theater, Tanz, Literatur, Philosophie, Theologie musste man ihm nicht kommen", wie Heike rasch feststellt.

Und nun ist er also zweifacher Vater, und seine Vaterjahre sind es, die Michael Kleeberg beschreibt. Wie er das macht, ist ein großartiges Lesevergnügen. Denn Kleeberg ist ein Meister der genauen Beobachtung. Faszinierend, wie er aus einem kurzen Moment, einem freudlosen Auflachen etwa, die Lebensumstände eines Menschen entwickelt und die Seelennöte sichtbar macht. Immer wieder ändert er die Perspektive, einmal ist es der Ich-Erzähler, dann wieder ein Beobachter von außen, der durch die Geschichte führt.

Da ist Charlys Jobwechsel, da ist die Rivalität zu seinem Freund Kai, dessen beruflicher Erfolg ihn in eine tiefe Lebenskrise stürzt und ihn zur Verhaltenstherapeutin führt. Dort sitzt er dann und "es wird Charly schmerzlich bewusst in diesem Moment, dass er in einem Alter angekommen ist, in dem das Präsens aufgehört hat, die wichtigste Zeitform zu sein". Und dass er Verpasstes nicht mehr aufholen kann: "ICH habe meine Zeit vertan, während er etwas aus ihr gemacht hat", hadert der Held.

Das alles ist elegant erzählt, wirkt leicht und spielerisch. Zwar scheint sich der Autor man spürt den Proust-Übersetzer - das eine oder andre Mal fast zu verlieren in seiner Liebe zum Detail, in seinen überbordenden Einfällen und Formulierungen, in Rückblenden und auch manchem Blick in die Zukunft - doch stets bekommt er noch rechtzeitig die Kurve. Damit man nicht den Überblick verliert, gibt Kleeberg seinen Lesern im Einband ein Diagramm an die Hand, wo er das gesamte Personal handschriftlich auflistet, säuberlich unterteilt in "Privatleben", "Arbeit" und "Umfeld" - so heißen auch die Kapitel des Buchs.

Am Ende des Buchs wird Bella eingeschläfert, die Kinder weinen, Charly vergräbt den Kadaver im Garten. Es ist ein schwerer Tag im Leben der kleinen deutschen Durchschnittsfamilie Renn, und fast nebenbei erfährt man, dass dieser Spätsommertag kein anderer ist als der 11. September 2001. Doch welche Rolle spielt da schon die Weltpolitik: "Wir können ja später nochmal einschalten, wenn uns danach ist", sagt Heike und schaltet den Fernseher ab.

Michael Kleeberg: Vaterjahre. Deutsche Verlagsanstalt, München, 512 Seiten, 24,99 Euro. ISBN 978-3-421-04355-9