New York - Das Internet wird von den meisten Menschen gerade neu entdeckt, anstelle von Smartphones gibt es einfache Handys, die Türme des World Trade Centers stehen noch und die Dotcom-Blase an der Börse ist geplatzt: Das ist New York 2001, die Bühne für "Bleeding Edge", den Thomas Pynchons neuen Roman.

Von dem großen Phantom der US-Literatur kursieren nur wenige meist jahrzehntealte Fotos, Interviews gibt der 77-Jährige so gut wie nie. Aber der an der als schick und intellektuell geltenden New Yorker Upper West Side lebende Autor, der mit einer Literaturagentin verheiratet ist, schreibt in regelmäßigen Abständen neue Bücher, die von seinen zahlreichen Fans und vielen Kritikern mit Spannung erwartet und dann gefeiert werden. Auch "Bleeding Edge" war wieder für den US-Buchpreis nominiert - und Pynchon selbst erschien natürlich nicht zur Gala.

Der fast 500 Seiten starke Roman "Bleeding Edge", der gerade in Deutschland erschienen ist, erzählt die Geschichte von Maxine Tarnow, Mutter zweier Söhne, die an der Upper West Side lebt und Steuerbetrüger aufspürt. Ihr aktueller Fall gerät allerdings mächtig aus den Fugen, zudem steht sie privat zwischen mehreren Männern. So wirbelt sich die Geschichte 300 Seiten lang immer weiter hoch, bis schließlich mit dem Angriff auf die Türme des World Trade Centers auch Maxines Geschichte kulminiert und wieder in sich zusammenfällt.

In all dem kommen so viele Irrungen und Wendungen und immer neue Randfiguren vor, dass es dem Leser schwer gemacht wird, der Geschichte zu folgen. Das ist oft anstrengend, dann aber in einer kleinen faszinierenden Randbemerkung, einer beeindruckenden Formulierung oder einer überraschenden Beobachtung auch wieder sehr lohnenswert - typisch Pynchon eben.

In seiner scheinbar endlosen Verworrenheit, aber auch in seinen immer wieder überraschenden schönen Momenten steht "Bleeding Edge" ganz in der Tradition von Pynchons erfolgreichen Vorgänger-Romanen wie "Mason & Dixon" oder "Die Enden der Parabel". Aber das neue Werk reiche dann doch nicht an die Vorgänger heran, urteilten die meisten US-Medien, die vor allem das Thema des 11. September als nicht angemessen behandelt sehen. "Das Ergebnis ist enttäuschenderweise ein Schnellschuss", schrieb die "Sunday Book Review" der "New York Times". "Bleeding Edge" sei "Pynchon light".

Andere Kritiker waren Pynchon gewogener - und betonten seine originelle Einzigartikeit. "Niemand weiß, was es heißt, Pynchon zu lesen", urteilte der Autor Jonathan Lethem ebenfalls in der "New York Times". "Herauszufinden, was es heißt, Pynchon zu lesen, ist wie Pynchon zu lesen. Man ist damit niemals fertig."

- Thomas Pyncon: Bleeding Edge, Rowohlt, Reinbek, 608 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-498-05315-4.