Berlin - Der Roman beginnt mit einem magischen Moment der Sportgeschichte. Er geschieht am 18. Juli 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal.

Gerade hat die kleine Nadia Comaneci ihre hinreißende Kür am Stufenbarren beendet. Alle warten gespannt auf die Bewertung. Die Minuten verrinnen, dann plötzlich spielt die Anzeigetafel verrückt: "Langsam schwenkte die Anzeigetafel von links nach rechts, von den Kampfrichtern zum Publikum, an den Turnerinnen vorbei, und groß darauf die Eins, die, unbegreiflich, heißen soll: Zehn. Ein verrücktes Komma. Oder eher ein Komma, das sich hartnäckig weigert weiterzurücken." Denn noch niemals zuvor war eine 10,0 für eine Kunstturnerin vergeben worden. Selbst der Computer kapitulierte. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen und verneigte sich vor einem 14-jährigen Mädchen aus Rumänien.

Lola Lafon beschreibt diese Geburtsstunde eines Weltstars so, als stünde der Leser selbst mitten im staunenden Publikum und atme diesen speziellen Turnhallengeruch, diese Mischung aus Schweiß und Magnesium. So unmittelbar, so direkt ist der ganze Roman. "Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte" ist ein so erstaunliches Debüt, dass man kaum glauben mag, dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt. Traumwandlerisch leicht wie die athletischen Darbietungen des rumänischen Wunderkindes behandelt der Roman das Leben der Nadia Comaneci. Von der Kritik gefeiert, stand das Buch wochenlang auf der französischen Bestsellerliste.

Die Autorin Lola Lafon lebt zwar heute in Paris, wuchs aber teilweise in Rumänien auf. Vielleicht wirkt das Buch deshalb so authentisch, etwa wenn sie den freudlosen Drill beschreibt, unter dem die kleinen rumänischen "Automatenmädchen" von ihrem Trainer Béla Károlyi herangezüchtet wurden. Károlyi, der später wie die Comaneci in die USA flüchtete, erkannte als erster den Vorteil ganz junger Turnerinnen.

Plattbrüstige, kindliche Sportlerinnen wie Nadia brachten nicht nur weniger Gewicht mit auf den Schwebebalken, sie waren auch tollkühner. "Aber Béla war es völlig egal, ob wir hübsch waren, er belohnte jede Woche die Waghalsigste von uns und auch die Schnellste", lässt die Autorin Nadia Comaneci sagen. Und natürlich waren Kindfrauen auch leichter zu manipulieren. Sie ertrugen klaglos den kräftezehrenden, tristen Trainingsalltag und die kommunistische Gängelung.

Lafon schildert nicht nur das Leben einer Ausnahmesportlerin, mindestens ebenso versteht sich ihr Roman als Studie über die Manipulation und Aneignung des weiblichen Körpers. Nadia Comaneci ist so lange die von Presse und Öffentlichkeit in den Himmel gelobte, bewunderte "Karpatenfee", wie ihr Körper zierlich, klein und unterentwickelt bleibt. In dem Moment, als sie zur Frau heranreift, weibliche Rundungen entwickelt und an Gewicht zulegt, bestraft man sie mit Liebesentzug: "Das kleine Mädchen hat sich zur Frau gewandelt, der Zauber ist dahin", titelte eine französische Zeitung, so als seien nur unreife Sportlerinnen wirklich reizvoll.

Durch einen Kunstgriff lässt Lafon in ihrem Buch Nadia Comaneci selbst zu Wort kommen. Die Sportlerin protestiert häufig gegen Darstellungen der Ich-Erzählerin. Speziell wenn es um angebliche anti-kommunistische Klischees geht. So bringt sie etwa die Behauptung auf die Palme, sie sei als Vorzeigekind für das Ceausescu-Regime missbraucht worden. "Alle Sportler, die gewinnen, sind politische Symbole", kontert die Comaneci. "Sie werben für Systeme. Damals der Kommunismus, heute der Kapitalismus." Und einmal entfährt es ihr: "Das Mädchen, das Sie da beschreiben, ist ja wirklich jämmerlich."

So täuschend echt diese Einlassungen wirken, sie sind doch reine Fiktion. Tatsächlich ist Lola Lafon der realen Nadia Comaneci nie begegnet. Das ehemalige Wunderkind des Turnsports lebt seit 1989 in den USA und ist inzwischen Anfang 50. Lafon hat ihr das Manuskript zugeschickt. Doch die Comaneci hat sich nicht gerührt.

- Lola Lafon: Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte, Piper Verlag, München, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-492-05670-0