Köln - Eine junge Frau verliebt sich, aber nicht so ganz. Nicht mit Haut und Haaren. Sondern mit Zweifeln, abwartend.

""Was ist denn jetzt mit euch?", schrien die Leute über die Musik, wenn er einen Drink holen ging, und ich erklärte, dass es da nichts zu erklären gab", erzählt Claire. Aber dann stirbt ihr Freund Brian bei einem Unfall. Und Claire wird plötzlich behandelt wie eine junge Witwe, die trauern muss, erfährt aber zugleich, das Brian ganz ähnlich distanzierte Gefühle für sie hatte wie umgekehrt.

Diese Kurzgeschichte der US-Amerikanerin Marina Keegan kann sich mit den besten messen. Und es ist nicht ihre einzige auf diesem Niveau. In einer anderen zieht sie langsam die dünne Decke von einer scheinbar intakten Familie, und man hat beim Lesen einen Kloß im Hals. "Unsere Eltern stritten sich nicht im üblichen Sinn, weil sie vermutlich fanden, dass es sich nicht lohnte."

Es sollte wohl genügen, etwas über diese Short Storys und Essays zu sagen. Sie sind das Werk, sie erscheinen jetzt auf Deutsch im Buch "Das Gegenteil von Einsamkeit". Aber das ist nicht möglich. Nicht bei Marina Keegan, die nur 22 Jahre alt wurde.

Wobei es gar nicht darum geht zu sinnieren, sie wirke reif wie andere erst mit 40. Ihre Geschichten sind wahrscheinlich gar nicht sensationell, obwohl sie noch so jung war, sondern gerade deshalb. Sie bringt Lebensgefühl und Lebenserfahrung ihrer Generation auf den Punkt, authentisch und wie selbstverständlich.

Genau das hat ja auch ihren Essay, der dem Buch den Namen gab, im Netz zu einem derart viralen Erfolg verholfen. "Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit", schreibt sie zum Abschluss ihrer Studentenzeit an der Yale University, "aber wenn es eins gäbe, könnte ich sagen, genau das will ich im Leben".

Diese Sehnsucht nach Nähe, nach Geborgenheit, steht in Gegensatz zu vielem, was Keegan beschreibt oder über sie geschrieben wird. Die Aufzählung dessen, was sie in ihrem jungen Leben schon alles erreicht hatte - ihre Artikel im "New Yorker", die Auszeichnung für ihre Dramen, ihr politisches Engagement - sind nicht nur Lob. Sie dokumentieren zugleich, wie schwer der Wettbewerbsdruck auf jungen Leuten lastet, etwas zu erreichen im Leben, herauszuragen, für etwas berühmt zu werden und bewundert, gelobt und beneidet.

Aber wer die Zukunft durchorganisiert, verpasst die Gegenwart und verschwendet Chancen, die sich unverhofft bieten. Dagegen wehrt sich Keegan. "Wir dürfen nicht vergessen, dass uns immer noch alles offensteht. Wir können es uns anders überlegen. Von vorn anfangen", schreibt sie im Titel-Essay. "Wir sind so jung. Wir sind zweiundzwanzig Jahre alt. Wir haben noch so viel Zeit."

Als sie das formulierte, ahnte sie nicht, dass ihre eigene Zeit schon kurz später zu Ende sein würde. Natürlich trug diese Tragödie dazu bei, dass ihr Artikel millionenfach angeklickt wurde, weltweit. Aber in Wirklichkeit ist es der Inhalt ihres Artikels, der ihn so lesenswert macht, und genau das gilt auch für die meisten anderen Essays und Storys in diesem Buch.

Zum Beispiel wenn Marina Keegan ihre Glutenunverträglichkeit beschreibt und wie ihre Mutter sie auch vor dem allerletzten Prozent Risiko schützen wollte. Marina ist es so peinlich, wenn der Lehrer bei jedem Klassenausflug einen extra Snack für sie bereithält, den ihm die Mutter vorsorglich zugesteckt hat. Sie reagiert brutal genervt auf die glutenfreien Blaubeerpfannkuchen in den Semesterferien. Aber fühlt zugleich, wie weh sie ihrer Mutter in dem Moment tut - und lässt es die Leser mitfühlen.

- Marina Keegan: Das Gegenteil von Einsamkeit. S. Fischer, 288 Seiten, 18,99 Euro, ISBN 978-3-10-002276-9.