Berlin - André Herzberg hat die außergewöhnliche Geschichte seiner deutsch-jüdischen Familie über die letzten hundert Jahre zum Roman "Alle Nähe fern" verarbeitet.

Der Musiker (59), mit der DDR-Rockband Pankow bekanntgeworden, erklärt im Interview der Deutschen Presse-Agentur, warum das Persönliche für ihn am Ende viel wichtiger war als die Riesenschatten der Geschichte:

Frage: In Ihrem Roman können Vater und Söhne nicht zueinander finden. Welche Rolle spielt in dieser großen Familiengeschichte die deutsche Geschichte mit Erstem Weltkrieg, Verfolgung als jüdische Familie und und DDR-Unterdrückung?

Antwort: Es ging darum, einen Familienroman mit drei Hauptpersonen zu schreiben, die als Väter und Söhne wenig miteinander gemeinsam zu haben scheinen, außer dass sie blutsverwandt sind. Statt verständnisvollen Liebesbeziehungen gab es nur Probleme bis hin zum Verrat. Ich hab versucht herauszukriegen, warum das so ist. Und was doch da war an Gemeinsamkeiten, um vielleicht eine Art Heilung für zukünftige Generationen zu erreichen, wenn so etwas überhaupt möglich ist. Mit der Politik hab ich mich nicht unbedingt gern beschäftigt. Aber wenn man jüdisch ist im 20. Jahrhundert, dann kommt die mächtig mit rein.

Frage: Sie beschreiben, wie Sie ziemlich spät einen positiven Zugang zu Ihrer jüdischen Identität gefunden haben. Muss man sich darüber angesichts neuer antisemischer Anschläge und allen möglichen aktuellen Diskussionen wieder neu Gedanken machen?

Antwort: Für mich war diese Identität früher auch da, aber dunkel und negativ. Jetzt ist sie positiv. Die neuen Probleme sind im Vergleich zu dem, was ich im Buch beschreibe, pille-palle. Deutschland ist, ich kann es gar nicht hoch genug loben, ein Hort der Freiheit, des toleranten, liberalen Denkens. Was bleibt, sind diese traumatischen Reste. Es ist ein unheimlich langer Weg zur Normalität. Mich interessiert das Echo. Da finde ich die Beschneidungsdebatte absolut absurd, angesichts der paar Leutchen, die das betrifft. Israel ist und bleibt ein Dauerstreit.

Frage: Sie nehmen Ihr Leben, auch als prominenter DDR-Künstler, als Rohstoff für einen Roman. Leser werden fragen: Was hat er erfunden und was nicht?

Antwort: Je mehr der Roman der Gegenwart zustrebt, desto weniger ist er Fiktion. Er entspricht dem, was passiert ist, beziehungsweise meiner Sichtweise davon. Die Geschichte meiner Familie vorher erzähle ich auf der Basis von dem, was über Jahrzehnte weitergegeben worden ist. Ein Onkel hat eine Menge aufgeschrieben. Die Grundzüge der Geschichte stimmen alle.

Frage: Der Ton im Buch ist unaufgeregt und knapp, die Sätze sind klar und unkompliziert. Hat das mit Ihrem Hintergrund als Musiker und Songschreiber zu tun?

Antwort: Das hat was mit meiner Frau zu tun. Sie hat mir immer nahegelegt, die Geschichte schnell zu erzählen, ohne viel zu reflektieren. Das empfinde ich im Nachhinein als großartig. Außerdem neige ich einfach nicht zu langen Sätzen. Ich liebe Filme. Auch da müssen die Bilder schnell sichtbar werden.

ZUR PERSON: André Herzberg, am 28. Dezember 1955 in Ost-Berlin geboren, ist seit über 30 Jahren Musiker und vor allem als Frontmann und Sänger der in der DDR gegründeten Rockband Pankow berühmt geworden. Seine Familie lebt nach Angaben des Ullstein-Verlags heute in Afrika, England und Deutschland. Von Herzberg erschienen bisher eine Erzählungssammlung und der autobiografische Roman "Mosaik".