Berlin - Davide Longos Bücher entfalten eine eigentümliche Sogkraft. Wo andere auf Action und Schnelligkeit setzen, entdeckt er die Langsamkeit. Seine Romane spielen meist in entlegenen urwüchsigen Regionen. Die Natur ist starr und still.

Die Helden sind wortkarg und melancholisch, bisweilen ein wenig desorientiert, Außenseiter der Gesellschaft. Mit dieser Gesellschaft steht es auch nicht zum Besten, manchmal befindet sie sich sogar in Auflösung.

In seinem Roman "Der aufrechte Mann", der 2012 auf Deutsch erschien, zeichnete Longo (44) das apokalyptische Panorama eines degenerierten, von Banden terrorisierten Italien. Es war eine beklemmende schwarze Utopie, von der man als Leser doch nicht lassen konnte. Ganz so düster ist das neue Buch des gebürtigen Piemontesers nicht.

Dennoch ist "Der Fall Bramard" ein typischer Longo. Auf den ersten Blick könnte es sich um einen Kriminalroman handeln, aber es wird schnell klar, dass Longo der eigentliche Plot nicht so wichtig ist wie die inneren Verwüstungen der Menschen, die er seziert.

Im Mittelpunkt steht Corso Bramard, ein schwermütiger Ex-Kommissar, der 20 Jahre zuvor durch ein grausames Verbrechen nicht nur Frau und Tochter, sondern auch seine Seele verlor. Danach hängte er seinen Beruf an den Nagel, war eine Zeitlang dem Alkohol verfallen und begann als Lehrer an einer Provinzschule. Corso unterhält nur spärliche Kontakte zu seinen Mitmenschen. Meist igelt er sich zu Hause ein.

Eine gewisse Erlösung bringt ihm die Begegnung mit der Natur. Die einsame Berglandschaft des Piemont spiegelt dabei seine eigene melancholische Befindlichkeit wider: "Er musterte den Gipfel, dessentwegen er gekommen war. Am Abend zuvor hatte er im Licht der untergehenden Sonne eine gewisse Schönheit darin zu entdecken geglaubt, eine jener Schönheiten, die Geduld verlangen, um sie zu begreifen. Jetzt dagegen schien er ihm bloß ein Dreieck kalter Finsternis."

Manchmal begegnet Corso in den Bergen anderen einsamen Wölfen, Männern, die ebenso maulfaul sind wie er. Einmal fragt ihn ein Förster, ob er verheiratet sei. Als Corso verneint, entgegnet der Mann: "Das haben Sie gut gemacht. Frauen, die diese Orte verstehen wie wir, gibt es nicht." Lakonische Worte und Szenen, die doch alles sagen.

Seit 20 Jahren bekommt Corso regelmäßig Briefe mit Leonhard-Cohen-Versen, die auf einer alten Olivetti-Schreibmaschine geschrieben sind. Diese Briefe stammen vom Mörder seiner Familie, der noch zahlreiche andere Frauen auf dem Gewissen hat, den die Polizei aber nie stellen konnte. In gewisser Weise scheint dieser unfassbare Mann über all die Jahre mit Corso ein Zwiegespräch zu führen.

Doch eines Tages begeht der Verbrecher einen schweren Fehler. Zusammen mit Kommissar Arcadipane nimmt Corso Bramard die Spur des Mörders auf. Sie führt zu Nutten und in höchste Kreise der Gesellschaft, hinter deren schöner Fassade es nicht ganz so sauber zugeht, wie sie nach außen hin erscheint. Für Corso aber wird es vor allem eine schmerzliche Reise zu seinen eigenen Dämonen, an deren Ende für ihn eine erschütternde Erkenntnis steht.

Liest man "Der Fall Bramard" nur als Krimi, wird man einige Schwächen entdecken. Die Handlungsführung erscheint nicht immer stringent, ist verwirrend, manchmal wird der Leser allein gelassen. Doch als Psychogramm einer verlorenen Seele ist der Roman mit seiner düsteren Aura und der knappen, präzisen und doch so treffsicheren Sprache meisterhaft.

- Davide Longo: Der Fall Bramard, Rowohlt Verlag, Reinbek, 320 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-498-03938-7.