Berlin - Er gilt als einer der größten Architekten aller Zeiten: der im 16. Jahrhundert in Istanbul lebende Sinan. Unter vier Sultanen errichtete Sinan Bauwerke wie die Süleymaniye-Moschee in Istanbul, dem damaligen Konstantinopel und Hauptstadt des Osmanischen Reiches.

Der neue Roman der türkischen Schriftstellerin Elif Shafak "Der Architekt des Sultans" lässt vermuten, dass der Meister selbst im Mittelpunkt steht. Doch die Geschichte dreht sich vor allem um seinen Auszubildenden Jahan und dessen klugen Elefanten Chota. Der Originaltitel des auf Englisch geschriebenen Buches "The Architect\'s Apprentice" ("Der Lehrling des Architekten") trifft es genauer.

Jetzt liegt die deutsche Übersetzung des 2014 bei Viking (New York - London) erschienenen Werks der in Istanbul und London lebenden Autorin vor. Elif Shafak hat sich dabei von historischen Ereignissen aus der Blütezeit des Osmanischen Reiches inspirieren lassen, ohne sich genau an Daten und ihre Reihenfolge zu halten. "Ich bin eine Geschichtenerzählerin", schreibt Shafak 2015 in ihrem Vorwort zu einer Neuauflage ihres früheren Romans "Der Bastard von Istanbul" (2007). "Weder die Menschen in der Mitte noch die Menschen an der Macht, sondern diejenigen, die unterdrückt, mundtot gemacht und vergessen wurden" interessierten sie, so die Schriftstellerin.

In "Der Architekt des Sultans" führt die Liebhaberin von Wörtern ihren Lesern das Leben und Treiben in der kosmopolitischen Metropole am Bosporus im 16. Jahrhundert vor Augen. Gleich zu Beginn geschieht ein fünffacher Mord im Palast von Istanbul. Augenzeuge ist der Inder Jahan. Er ist vor seinem bösen Stiefvater, der die Mutter totgeprügelt hat, aus der Heimat geflohen. Jahan nutzte die Gelegenheit fortzukommen, als sein kleiner weißer Elefant Chota vom Schah als Geschenk für den Sultan bestimmt ist und sein geliebter vierbeiniger Gefährte die Schiffsreise nach Istanbul antreten muss.

Dort im Palast wird Jahan nicht nur der anerkannte Mahut, der Elefantenführer, sondern auch einer von vier Lehrlingen des Hofarchitekten Sinan. Wie in einem Märchen kommt die Prinzessin Mihrimah, Tochter des Sultans Süleyman, öfter in die Stallungen zu Jahan und Chota - und Jahan verliebt sich hoffnungslos in die unerreichbare Schöne. Doch welche Rolle spielt sie?

Elif Shafak erzählt von Palastintrigen, blutigen Kriegen, düsteren Gefängnistagen, schweren Erdbeben, Feuersbrünsten oder Pest. Nacheinander werden verschiedene Religionsgruppen für die Seuche verantwortlich gemacht und die vermeintlich Schuldigen verfolgt. Die Autorin schildert Alltagsszenen am Hafen oder im Bordell. Sie lässt den Zigeuner Balaban mehrfach Jahan retten und zu seinem Freund werden. Sie beschreibt die Arbeiten an verschiedenen Bauprojekten wie Moscheen, Aquädukte oder auch einem Observatorium. Dabei geschehen unerklärliche Unfälle. Wer steckt dahinter?

Auf knapp 650 Seiten breitet Elif Shafak ein buntes Panorama der damaligen Epoche mit vielen Facetten aus. Manchmal dicht und spannend geschrieben, manchmal erscheint es eher langatmig und schlecht verfugt. Im Rausch der Worte geht gelegentlich auch die Fantasie mit ihr durch, und sie formuliert überspannte Vergleiche. So beschreibt sie ein Licht als "warm wie die Milch, mit der eine Mutter ihr Kind stillte" oder "Die Zeit wurde zu einer Wendeltreppe, die ins Nichts führte". Auch das Bild von einem "löwenzahnbestandenen, vom Tod durchtränkten Schlachtfeld" will nicht so recht einleuchten.

Doch wer einen Schmöker aus der Zeit schätzt und sich dabei auch auf Hexerei einlassen kann oder sich zu einer Reise nach Istanbul verlocken lassen möchte, um sich auf die Spur des realen Sinan (gest. 1588) und seine architektonischen Meisterwerken zu begeben, kann dieses "Produkt der Fantasie" - so die Autorin - lesen. Sie selbst gibt darin preis, was sie zu dem Roman angeregt hat: vor allem ein Porträt des Sultans Süleyman mit einem Elefanten und seinem Mahut am Bildrand.

- Elif Shafak: Der Architekt des Sultans, Verlag Kein & Aber, Zürich - Berlin, 647 Seiten, Euro 24,90, ISBN 978-3-0369-5715-9.