Berlin - Am 19. Juni 2015 feiert Aung San Suu Kyi ihren 70. Geburtstag. Wie vor ihr vielleicht nur noch Nelson Mandela wird die zierliche Friedensnobelpreisträgerin aus Myanmar als Freiheitsikone auf der ganzen Welt verehrt.

Denn obwohl sie fast 15 Jahre im Hausarrest verbrachte und viele persönliche Opfer in Kauf nahm, gab sie ihren Kampf für Demokratie und Freiheit nie auf. Aber wie das so ist mit Ikonen: Man kommt ihnen nur sehr schwer persönlich nahe. Umgeben von einem Heiligenschein verschwindet der wahre Mensch dahinter. Auch gibt Aung San Suu Kyi nur ungern private Dinge preis.

Es ist also nicht ganz einfach, eine Biografie über sie zu schreiben. Das musste der frühere "Spiegel"-Korrespondent Andreas Lorenz auch feststellen, zumal ihm die Politikerin Interviews für sein Buch aus Zeitgründen verweigerte. Aber immerhin konnte er auf frühere persönliche Begegnungen und Gespräche mit ihr zurückgreifen. Auch stellten sich viele enge Wegbegleiter zur Verfügung. Entstanden ist so eine Biografie, die doch recht nahe an die Unnahbare herankommt und westlichen Lesern nicht nur ein eindrückliches Bild ihrer Persönlichkeit, sondern auch ihres zerrissenen Landes vermittelt. Lorenz porträtiert mit Sympathie und Respekt, verfällt dabei jedoch nie in kritiklose Heldenverehrung.

Als Aung San Suu Kyi 1988 nach langer Abwesenheit in ihr Heimatland zurückkam, um ihre todkranke Mutter zu pflegen, konnte sie nicht ahnen, dass sich damit ihr Leben radikal verändern würde. Denn zwar kam ihr als Tochter des birmanischen Nationalhelden Aung San besondere Aufmerksamkeit zu, doch bis dahin schien sie kaum für eine politische Führungsrolle prädestiniert. Aufgewachsen war sie vor allem in Indien, später studierte sie in Großbritannien, wo sie auch ihren Mann, den Tibetologen Michael Aris kennenlernte. Jahrelang beschied sie sich mit der Rolle der Hausfrau und Mutter.

Anscheinend zeigte Aung San Suu Kyi aber auch schon in diesem überschaubaren Aufgabenkreis jene Konsequenz, die sie später in der Politik an den Tag legte. Ihre beiden Söhne Alexander und Kim erzog sie streng. Tamtam wurde nicht geduldet, schreibt ihr Biograf, der sogar zu berichten weiß, dass die Söhne selbst Schlangenfleisch ohne Widerspruch verzehrten. Aber schon aus dieser frühen Zeit gibt es Hinweise, dass sich Aung San Suu Kyi immer auch als Tochter ihres Vaters fühlte. Ihrem Mann schrieb sie einmal: "Sollten meine Landsleute mich brauchen, wirst du mich dabei unterstützen, meine Pflicht für sie zu tun."

Dieser Moment war da, als es während ihres Besuchs in Myanmar zu blutigen Aufständen gegen die Militärdiktatur kam. In kürzester Zeit wurde Aung San Suu Kyi zur Hoffnungsträgerin der Demokraten. In der langen Zeit, die sie später im Hausarrest verbrachte, beeindruckte sie immer wieder durch ihre Standhaftigkeit. Lorenz beschreibt, wie sie in ihrer Isolation Trost im Buddhismus fand. Aung San Suu Kyis Entscheidung, die Politik über ihr persönliches Glück zu stellen, hatte für ihre Familie bittere Konsequenzen. Ihr Mann konnte sie vor seinem Tod nicht mehr sehen und ihre Söhne wuchsen jahrelang ohne Mutter auf. Dass dies Spuren in deren Leben hinterließ, deutet der Autor an. So hielt sich vor allem der ältere Sohn Alexander nach der Freilassung der Mutter von ihr bewusst fern.

Aung San Suu Kyis Unbeugsamkeit war auch in der Politik durchaus umstritten. Sie befürwortete ohne Abstriche die harten Sanktionen der westlichen Länder gegen Myanmar, ja sie wollte nicht einmal Tourismus in ihrem Land dulden, da dieser nur das Militärregime stärke. Infolgedessen kam es auch zum Zerwürfnis mit ihrer engsten Freundin und Assistentin Ma Thanegi, die ihre zu "hohen moralischen Ansprüche" kritisierte. In den letzten Jahren allerdings, da Aung San Suu Kyi endlich aktiv Politik machen konnte, musste sie ihre moralischen Ansprüche senken und manchen schmerzhaften Kompromiss mit den ungeliebten Machthabern eingehen.

Das Bild der Heiligen hat erste Kratzer bekommen. Und es könnte sich weiter verdüstern, ahnt der Autor. Denn die Probleme im Vielvölkerstaat Myanmar seien selbst für eine Aung San Suu Kyi kaum lösbar.

- Andreas Lorenz: Aung San Suu Kyi. Ein Leben für die Freiheit, C.H. Beck, 336 Seiten, 19, 95 Euro, ISBN 978-3-406-67509-6.