Zürich - Es scheint wieder einmal einer jener Fälle zu sein, die so gut wie nie aufgeklärt werden: Vandalismus und Diebstahl in der altehrwürdigen Biblioteca Merula in Venedig.

Commissario Brunetti weiß, dass Delikte dieser Art auf dem Vormarsch sind, aber selten die notwendige Aufmerksamkeit der Ermittlungsbehörden erhalten. Dennoch macht er sich routinemäßig ans Werk, zumal eine Mäzenin der Bibliothek eine bekannte Contessa und die Freundin seiner Schwiegermutter ist. Donna Leons (72) neuer Roman mit dem deutschen Titel "Tod zwischen den Zeilen" ist der 23. Fall des Commissario.

Wieder greift die gern in Venedig lebende amerikanische Autorin ein gesellschaftliches Problem auf: die nahezu ungehinderte Plünderung der ältesten Buchsammlungen Europas. Und einmal mehr bringt sie ihre eigene Vorliebe für wertvolle Folianten, unbezahlbare Klassiker und historische Niederschriften mit ein, die sie von Beginn an auch auf Brunetti und seine Familie übertragen hat. So ist der für die Öffentlichkeit recht wenig spektakuläre Fall in den besten Händen.

Der Polizist ahnt schon bald, dass der Hauptverdächtige - angeblich ein amerikanischer Wissenschaftler, der seit drei Wochen Dauergast in der Bibliothek ist - allein nicht für die Verluste kostbarer alter Bücher oder einzelner Buchseiten verantwortlich gemacht werden kann. Als dann auch noch ein seit Jahren bekannter Bibliotheks-Gast, der Ex-Priester Franchini, ermordet wird, glaubt der Commissario, auf der richtigen Fährte zu sein, indem er nach Verbindungen zwischen dem Amerikaner und Franchini sucht.

Wie immer bei Donna Leon setzt nun eine aufwendige Spurensuche ein, die außer einer gelegentlichen Internetsuche vor allem klassisch à la Agatha Christie von statten geht und meist zu Fuß fast durch die gesamte Lagunenstadt führt. Keine Frage, dass Brunetti dabei von seinen "Lieblingskollegen" Vianello, Signorina Elettra und Griffoni unterstützt, von seinem Chef, dem brummelnden Vize-Questor Patta - wie gehabt - aber eher ausgebremst wird. Und natürlich fehlen auch nicht die familiären Debatten mit der klugen Brunetti-Gattin Paola sowie den naseweisen Sprösslingen Raffi und Chiara.

Wenn auch der neue Krimi von Donna Leon dieses Mal nur mäßig spannend ist - er führt wieder in ein vertrautes und beliebtes Umfeld. Es ist ein bisschen wie nach Hause zu kommen. Der Leser freut sich mit Brunetti über das im Frühling erblühende Venedig. Er ärgert sich mit ihm über den die Stadt zerstörenden Tourismus und die Kurzsichtigkeit der nur auf Profit oder Selbstbereicherung ausgerichteten Wirtschaftspolitik. Sie haben ihren eigenen Charme, die Brunetti-Romane, und machen nach wie vor Lust auf mehr. Darauf muss man nicht allzu lange warten, im kommenden Jahr wird Brunetti seinen 24. Fall lösen. Der Zürcher Verlag Diogenes kündigt ihn für November 2016 unter dem Titel "Endlich mein" an.

- Donna Leon: Tod zwischen den Zeilen, Diogenes Verlag Zürich, 280 Seiten, 23,90 Euro, ISBN 978-3-257-80361-7.