Konstanz - Als Paul Bäumer im Fronturlaub nach Hause kommt, fehlen ihm schlicht die Worte. Der Soldat - Figur in Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" - ist mit knapp 20 Jahren traumatisiert, "verdorben" vom Ersten Weltkrieg.

"War es sehr schlimm draußen, Paul?", fragt seine Mutter. Bäumers Reaktion: Hilflosigkeit, Befremdung, Trauer, Wut. "Mutter, was soll ich dir darauf antworten!", denkt er. "Du wirst es nicht verstehen und nie begreifen. Du sollst es auch nie begreifen." Laut sagt er nur: "Nein, Mutter, nicht so sehr."

Denn wie fasst man anhaltendes Trommelfeuer, Gasangriffe, Hunger, Kälte, Todesangst in Worte? Als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" wird der Erste Weltkrieg von Historikern bezeichnet. Ein Ereignis, das Politik, Gesellschaft und Kultur des beginnenden 20. Jahrhunderts fundamental geprägt und verändert hat. Im Vorfeld hätten viele Intellektuelle in Deutschland der erhofften "Zäsur" positiv gegenüber gestanden, sagt der Literaturwissenschaftler Matthias Schöning, der sich seit Jahren mit der Beziehung zwischen Krieg und Literatur auseinandersetzt.

"Der Krieg wurde herbeigesehnt", sagt der Dozent an der Universität Konstanz. "Als er ausbrach, sind die Intellektuellen Sinn stiftend tätig geworden." Der Krieg sollte die Kultur renovieren, "man versprach sich positive Impulse davon." Die literarische Begleitmasse dazu ist beeindruckend: Bis 1915 seien in anderthalb Jahren 235 Bände mit Kriegslyrik erschienen, anderthalb Millionen Kriegsgedichte und 800 Bände Kriegsliteratur, schrieb die "Zeit".

In die Liste der Befürworter reiht sich auch der ausgemusterte Thomas Mann ein. Sein Aufsatz "Gedanken im Kriege" zeige exemplarisch, wie die Stimmung in der meinungsführenden Gruppe der Intellektuellen gewesen sei, sagt Schöning. Wirklich erlebt hat den Grabenkrieg Ernst Jünger (1895-1998). Vierzehn Treffer zählt sein literarisiertes Ich in dem auf Tagebüchern basierenden Roman "In Stahlgewittern": Fünf Gewehrgeschosse, zwei Granatsplitter, eine Schrapnellkugel, vier Handgranaten- und zwei Gewehrgeschoßsplitter.

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach widmet Jünger - neben Autoren wie Franz Kafka und Ernst Stadler - eine Ausstellung mit dem Titel "August 1914. Literatur und Krieg". Im Zentrum stehen Tagebücher und Briefwechsel, die eine Begegnung mit den Stimmen des Krieges darstellten, heißt es dazu. "Nie zuvor in der Geschichte wurde so viel geschrieben wie im August 1914, nichts scheint (außer vielleicht die Liebe) das Schreiben so notwendig zu machen wie der Krieg."

Jünger arbeitete über Jahrzehnte hinweg immer wieder an seinem 1920 erschienenen Roman, der die Erlebnisse eines Kriegsfreiwilligen schildert. Er veränderte, schrieb um, brachte einen politischen Ton hinein, strich ihn später wieder heraus. Bis heute wird sein Werk von Kritikern als kriegsaffirmativ gelesen - im Gegensatz zu dem als Antikriegsroman verstandenen "Im Westen nichts Neues" von Remarque (1898-1970).

Das sei aber nicht die ganze Wahrheit, sagt Schöning. "Wenn wir Jünger und Remarque genauer unter die Lupe nehmen, ist der Gegensatz nicht ganz so rein wie auf den ersten Blick." Bei beiden fänden sich drastische Darstellungen von Tod und Leid ebenso wie ein über weite Strecken als positiv dargestelltes Gemeinschaftserlebnis. "Jünger war ein promilitärischer, soldatischer Autor, aber das heißt nicht, dass der Krieg verklärt wurde."

"Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war", schreibt Jünger in einer frühen Ausgabe. Und auch Remarque stellt seinem Roman eine Erklärung voran: Das Buch solle weder Anklage noch Bekenntnis sein. "Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam."

Der Wucht und Intensität, die dann auf rund 200 Seiten folgen, kann man sich als Leser an manchen Stellen aber kaum entziehen. Ein Auszug, Bäumer neben seinem sterbenden Freund: "Man sollte die ganze Welt an diesem Bette vorbeiführen und sagen: Das ist Franz Kemmerich, neunzehneinhalb Jahre alt, er will nicht sterben." Und weiter: "Er ist jetzt allein mit seinem kleinen neunzehnjährigen Leben und weint, weil es ihn verlässt."

Literatur des Ersten Weltkrieges

Konstanz - Als Paul Bäumer im Fronturlaub nach Hause kommt, fehlen ihm schlicht die Worte. Der Soldat - Figur in Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" - ist mit knapp 20 Jahren traumatisiert, "verdorben" vom Ersten Weltkrieg.