Budapest - Am Abend des 18. März 1944, wenige Stunden vor Beginn der Besatzung Ungarns durch Nazi-Deutschland, feierte der Schriftsteller Sandor Marai mit seiner Großfamilie in Budapest seinen Namenstag.

Ein einziger unter den Gästen war bekennender Unterstützer der Nazis. "... ich bin nicht begabt, deswegen brauche ich den Nationalsozialismus", so begründete der Verwandte seine Einstellung. Marai schildert dies in seinen Memoiren ("Land, Land").

Heute, 70 Jahre später, wirkt diese Szene gespenstisch frisch angesichts der aktuellen und kontroversen Debatten über Ungarns Mitverantwortung für Verbrechen der deutschen Nazis. Vor 25 Jahren, am 22. Februar 1989, ist Marai, einer der erfolgreichsten und produktivsten Autoren Ungarns, im Alter von 88 Jahren gestorben.

Zehn Jahre später, 1999, kam es in Deutschland zu einer Marai-Renaissance, durch die Neuübersetzung seines Romans "Die Glut", ein Psychogramm über Eifersucht und Leidenschaft und zugleich ein Spiel mit Versatzstücken des habsburgischen Mythos\'. Das Echo der Kritik war geteilt, aber der Verkauf fulminant. Seither erschienen im Piper-Verlag mehr als 20 Titel von Marai.

Geboren am 11. April 1900 im damals ungarischen, heute slowakischen Kosice (ung. Kassa, dt. Kaschau) unter dem Namen Sandor Grosschmid, wuchs er als verwöhnter Sohn eines wohlhabenden Juristen auf. Den Künstlernamen Marai legte er sich in Anlehnung an einen Adelstitel zu, den der Kaiser in Wien seinem Großvater verliehen hatte.

Schon als Teenager hatte Marai literarische Ambitionen. Berühmt ist ein prophetischer Satz, den er einem Lehrer zurief: "Sie werden von mir noch im Literaturunterricht hören!". Bis zu seiner Emigration erschienen in Ungarn 52 Bücher von Marai: Romane, Reiseberichte, Dramen und Essaybände. Nach der Auswanderung publizierte er noch 16 Titel, postum erschienen weitere 24 Bücher. Daneben schrieb er zahllose Zeitungsartikel, vor allem in den 1930er Jahren, als er in Ungarn ein gefeierter Autor war.

In seinen Zwanzigern reiste er studierend und schreibend durch Westeuropa und in den Nahen Osten, wurde in den Berliner und Pariser Literatentreffs heimisch und freundete sich unter anderen mit Thomas Mann an. Er wurde Korrespondent mehrerer Blätter, darunter der "Frankfurter Zeitung".

Zum Skandal kam es 1935 in Ungarn um seinen autobiografischen Roman "Bekenntnisse eines Bürgers". Einer seiner Hauslehrer sah sich darin verunglimpft und bekam 1940 vor Gericht Recht. Marai strich daraufhin auch Stellen, die das Gericht nicht verboten hatte, darunter Bekenntnisse zu homoerotischen Spielen als Halbwüchsiger und zu einer nachher unterdrückten Sehnsucht nach Männern. Der Budapester Helikon-Verlag hat jetzt diese Stellen wieder veröffentlicht - in einer kritischen Textausgabe, die beide Romanversionen beinhaltet.

Erschrocken über die drohende neue Diktatur der Kommunisten in Ungarn wanderte Marai mit seiner jüdisch-stämmigen Frau Lola und dem Adoptivsohn 1948 zunächst nach Italien aus und später in die USA. Aus dem Exil meldete er sich in Beiträgen für den Sender Freies Europa in seine Heimat zurück, deren Regime ihn ächtete. Ungarns heutige rechtsnationale Regierungspolitiker zitieren immer wieder gerne Marais leidenschaftliche Liebeserklärungen an seine Heimat.

Sein Thema waren auch Europa und dessen schwindende Werte. Einerseits begrüßte er, dass durch den Zweiten Weltkrieg die anachronistische Feudalgesellschaft in seinem Land untergegangen sei. Er verabscheute den Nationalsozialismus und den Kommunismus gleichermaßen. Zugleich wagte Marai nicht zu hoffen, dass "Euramerika" und "Eurasien", wie er es nannte, wieder zusammenwachsen würden. Dass ausgerechnet sein Land vor dem Mauerfall 1989 eine wichtige Rolle bei der Wende einnahm, hat Marai nicht mehr erlebt. Wenige Monate zuvor nahm er sich im kalifornischen San Diego mit einer Pistole das Leben.