Stuttgart - Wohl kein Zweiter hat den Schwaben jemals so schonungslos den Spiegel vorgehalten. Mal herzerfrischend-humorvoll, mal ironisch-bissig schreibt sich Thaddäus Troll in den Sechzigern und Siebzigern ins Herz seiner Landleute, wird zum Berufsschwaben.

Doch auch ihn hat 34 Jahre nach seinem Selbstmord das "Klassikersyndrom" erfasst: Man kennt ihn, aber man liest ihn nicht unbedingt, wie der Silberburg-Verlag berichtet. Am 18. März wäre der Schriftsteller und Journalist Hans Bayer alias Thaddäus Troll 100 Jahre alt geworden.

Von "Deutschland deine Schwaben", seinem als Wiederentdeckung der Regionalkultur gefeierten Werk, sind nach Angaben des Verlags seit 1967 gut 600 000 Exemplare verkauft worden, heutzutage aber eben nur noch 300 bis maximal 500 im Jahr. Das hätten Klassiker nun mal so an sich, sagt Verleger Titus Häussermann: "So ein Buch erbt man in der Regel, aber man kauft es nicht." Bei Johannes Mario Simmel etwa sei das ähnlich. Auch er habe sich einst 100 000-fach verkauft.

Als Sohn eines Handwerksmeisters wird Hans Bayer wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Bad Cannstatt geboren. Als "lässigen Schüler" beschreibt ihn sein Klassenlehrer. Er studiert Germanistik und Kunstgeschichte, promoviert zum Doktor der Philosophie, bevor er als Soldat auch an der Ostfront kämpft und in englische Gefangenschaft gerät. Zeitlebens geschämt habe er sich für seine Zeit als Kriegsberichterstatter einer Propagandakompanie der Wehrmacht, heißt es in der neuen Troll-Biografie mit dem Titel "Eine schwäbische Seele".

Als Mitbegründer der satirischen Zeitschrift "Das Wespennest"
macht sich Bayer ebenso einen Namen wie als Texter für das Düsseldorfer "Kom(m)ödchen". Als Feuilletonist aus Stuttgart schreibt er unter anderem für den "Spiegel". Für seine Korrespondenzen nutzt er Briefbögen und Umschläge mit dem Absendervermerk "Institut zur Vermeidung von Sendepausen und weißen Stellen in Zeitungen".


Während er als Hans Bayer sachlich und ernst bleibt, lebt er seine heiteren Seiten unter dem Pseudonym Thaddäus Troll aus. Der Legende nach wählte er diesen Namen, um in alphabetisch sortierten Bücherregalen links neben Tucholsky stehen zu können.

Essays und Glossen, Reise- und Städtebücher schreib Troll ebenso
wie Kinderbücher, Romane, Satiren und Sketche, Mundart-Gedichte,
Hör- und Fernsehspiele und Theaterstücke. Zu seinen mehr als 50
Büchern zählt das aus dem Englischen ins Schwäbische übersetzte Aufklärungsbuch "Wo kommet denn dia kloine Kender her?" (1974). Sein Theaterstück "Der Entaklemmer" erlebt viele Hundert Aufführungen am Staatstheater in Stuttgart und auf ungezählten anderen Bühnen.


Walter Jens bezeichnete seinen Schriftsteller-Freund Troll einmal als "einen der letzten großen Impressionisten deutscher Sprache, ein Mann, der Worte zum Leuchten bringen kann". Troll ist auch ein politischer Mensch: Mehrfach engagiert er sich für die SPD im Wahlkampf, bezeichnet seine Aufgabe aber stets als überparteilich. Die Bezeichnung "Linksintellektueller" soll ihm sehr gefallen haben.

Troll ist Mitbegründer des Verbands deutscher Schriftsteller, von 1968 bis 1977 erster Vorsitzender des baden-württembergischen Verbandes, Vizepräsident des PEN-Zentrums der früheren Bundesrepublik und stellvertretender Vorsitzender des Rundfunkrats des einstigen Süddeutschen Rundfunks. Und er engagiert sich für junge Kollegen. Mit dem nach ihm benannten Thaddäus-Troll-Preis werden heute alljährlich Autoren gefördert, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen.

Im Alter von 66 Jahren nimmt sich Hans Bayer mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Auf einem Tisch findet man später den von ihm verfassten "Nachruf zu Lebenszeiten".