Paris - Sie war noch keine 16, als sie von dem reichen Chinesen verlangte, mit ihr das zu tun, was er gewöhnlich mit Frauen tat, die mit in seine Wohnung kommen. Der Roman "Der Liebhaber" brachte Marguerite Duras in die Bestsellerliste.

Geschrieben hat sie ihn als 70-Jährige. Erlebt hat die französische Schriftstellerin die Geschichte mit dem doppelt so alten Liebhaber ein halbes Jahrhundert früher. Da war sie noch nicht 16 - so wie die Protagonistin ihres Welterfolgs. Das Gesamtwerk der vor 100 Jahren am 4. April 1914 bei Saigon geborenen Autorin und Regisseurin ist eine fortgesetzte Autobiografie um Begierde, Leid und Schmerz.

In ihrem Gesamtwerk rollt Duras ihr Leben aus. Ob in dem Drehbuch "Hiroshima, mon amour", das sie für Alain Resnais schrieb, in der "Vize-Konsul" oder dem Film "Indiasong" - immer geht es um Menschen, die sich lieben, anschweigen, schlafen oder weinen. Duras ist es gelungen, mit einem begrenzten Motivschatz über 40 Bücher, mehr als zehn Theaterstücke und ebenso viele Filme zu schaffen. Die Sprache ist schlicht und fragmentarisch. Wegen der Wiederholung von Motiven war ihr Werk nicht immer unumstritten.

Marguerite Donnadieu, so ihr eigentlicher Name, war die Tochter von Kolonialfranzosen. Sie wuchs in Vietnam auf, damals Französisch-Indochina, ging 1932 mit 17 Jahren nach Frankreich, um in Paris zunächst Mathematik, dann Jura und Politikwissenschaft zu studieren. Von ihren autobiografischen Werken behält man neben dem "Liebhaber" vor allem den Film "Hiroshima, mon amour" in Erinnerung. Darin behandelt sie das lang tabuisierte Thema französischer Frauen, die sich während der Besatzungszeit mit deutschen Soldaten eingelassen haben.

Duras hatte viele Geliebte, darunter auch einen Kollaborateur, über den sie erstmals in ihren "Heften aus Kriegszeiten" schrieb. Die vier Schulhefte hatte sie zwischen 1943 und 1949 vollgeschrieben. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod im Jahr 1996 wurden sie veröffentlicht. Im Jahr 2007 erschienen sie vereint in einem Band bei Suhrkamp.

Es sind Entwürfe und Aufzeichnungen über ihre Kindheit und die Kriegsjahre in Paris. Vor allem aber sind es Grundrisszeichnungen für ihr Gesamtwerk, die erklären, wie Biografie und Literatur bei der Autorin zusammenhängen. Sie erzählt von ihrer selbstsüchtigen Mutter und ihrem ältesten, halb wahnsinnigen Bruder und davon, wie beide sie an einen reichen Mann verkuppelt haben, um in dessen teurem Auto fahren zu können. Sie schreibt: "Mich hätte man ebenso gut für eine kleine Nutte wie für ein kleines Mädchen halten können."

Die Linksintellektuelle beschreibt auch wie ein Kollaborateur, der Kommunisten denunzierte, von anonymen Widerstandskämpfern verhört wird. Auch hier sind autobiografische Bezüge unverkennbar. Ihr erster Mann, Robert Antelme, der wie sie in der Résistance-Bewegung tätig war, wurde verraten und in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Der Schriftsteller überlebte und schrieb 1947 das Buch "Das Menschengeschlecht", in dem er das Leben und Sterben im Konzentrationslager und auf dem Transport beschreibt.

"Sie hält inne, sie blickt ihn an, dann sagt sie ihm, schon in den ersten Stunden ihrer Begegnung habe sie erkannt, dass sie ihn zu lieben begonnen hatte, so wie man merkt, dass man zu sterben begonnen hatte. Er fragt sie, ob sie an das Sterben gewöhnt ist. Sie sagt, sie glaube ja, es sei die Sache, an die man sich am besten gewöhnt." Sätze aus einem ihrer letzten Bücher "Blaue Augen, schwarzes Haar". Es wurde 1986 veröffentlicht.

Zu diesem Zeitpunkt war Yann Andréa ihr letzter Geliebter, ein um mehr als 40 Jahre jüngerer Literaturstudent. Die Beziehung dauerte 16 Jahre. Er war alles: Chauffeur, Sekretär und Rettungsanker. Denn Duras litt unter Alkoholproblemen. Begierde, Liebe, Leid und Schmerz - Motive, um die sich auch ihr ganzes Leben drehte.