Berg/München - Zu seinem 75. Geburtstag macht Johano Strasser sich Gedanken, wie es weitergeht - nicht mit ihm selbst, sondern mit der Welt und den Menschen darin. Denn die, so meint er, machen sich immer mehr zu Sklaven der Technik.

"Ich glaube, dass wir in einer großen Krise des Rationalismus stecken", sagt der Schriftsteller und langjährige Vorsitzende der Schriftstellervereinigung PEN Deutschland im Interview der Nachrichtenagentur dpa. "Rationale Modelle, von denen die Menschheit hofft, dass sie sie weiterbringen, werden zu Zwangssystemen. Technik, die helfen soll, wird immer mehr zur Gefahr." Er meint damit zum Beispiel Computerdaten, die ausgespäht werden, "technische Systeme, die die Freiheit des Einzelnen untergraben können".

Es sind Überlegungen wie diese, die Strasser, der mit seiner Frau in Berg am Starnberger See lebt, seit Jahrzehnten beschäftigen und die er auch derzeit wieder für sein neues Buchprojekt zu Papier bringt. Es sind Einschätzungen, die stets auch die Grundlage waren für sein politisches Engagement als PEN-Präsident, SPD-Vordenker oder professioneller Einmischer in gesellschaftliche Belange. "Überall auf der Welt wächst die Ungleichheit", sagt er. "Es gibt wahnsinnigen Reichtum auf der einen, großes Elend auf der anderen Seite und in den Schichten dazwischen eine wachsende Unsicherheit und ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis."

Sicherheit seiner Kollegen - das war auch in den rund 20 Jahren, in denen Strasser für die deutsche Abteilung des Schriftstellerzentrums PEN arbeitete, sein großes Thema. Wenn es ihm gelungen war zu helfen, seien das die großen Freuden in seinem Leben gewesen, sagt er. "Dann kann man erleben, wie diese Menschen wieder aufleben, wie aus fast zerstörten Menschen wieder kreative Menschen werden."

Autoren in Mitteleuropa, die über schwierige Arbeitsbedingungen klagen, sollten sich immer wieder vor Augen halten, wie es Kollegen in anderen Ländern geht, sagt Strasser. "Das ist etwas, das einen sehr schnell wieder realistisch auf den Boden der Tatsachen bringt und erkennen lässt, dass wir hier tatsächlich auf einer Insel der Seeligen leben." Sicher hätten Autoren es auf dem Büchermarkt schwer, Gehör zu finden, natürlich stünden Verlage unter finanziellem Druck. "Das sind aber - verglichen mit dem, was Schriftsteller in anderen Ländern auszustehen haben natürlich Luxusprobleme."

Politisch ist Strasser immer gewesen - vor allem in seiner Zeit als Redakteur und Mitherausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift "L80" von 1980 bis 1988. Damals arbeitete er mit Heinrich Böll und Günter Grass zusammen." Es war nicht immer einfach, aber es war viel einfacher, als die meisten von außen denken", sagt er über die Zusammenarbeit mit den Literatur-Stars. "Es waren sehr unterschiedliche Temperamente, die da versammelt waren, aber es war sehr solidarisch." Und es wurde viel geschrieben - so wie immer in Strassers Leben. Und das soll sich auch nach seinem 75. Geburtstag nicht ändern. "Ich hab ja nichts anderes gelernt als schreiben."