Nürnberg - Büchereien als reine Ausleihstationen sind passé. Heute gibt es in fast jeder größeren Bibliothek ein Café, das zum Verweilen einlädt, Lesungen und spezielle Angebote etwa für Studenten, Kinder oder Senioren.

Und trotz der massenweisen Verbreitung von E-Readern, Smartphones und Tablet-Computern hat die gute alte Bibliothek längst nicht ausgedient. "Überraschenderweise gilt genau das Gegenteil: Sowohl die Hochschulbibliotheken als auch die städtischen Büchereien sind als Ort im Augenblick so attraktiv wie nie", sagt Frank Simon-Ritz, der Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes. "Wir haben überall steigende Besucherzahlen."

Die Bibliothek habe eine besondere Qualität, erklärt er die Beliebtheit: "Viele Menschen kommen nicht mehr in die Bibliothek, weil sie ein bestimmtes Buch suchen, sondern sie schätzen die Bibliothek als anregenden und inspirierenden Arbeitsort, der noch dazu sehr kommunikativ ist." Und die Bücherei sei einer der wenigen Orte, an dem es keinen Konsumzwang gebe.

Fast 10 200 Bibliotheken gibt es in Deutschland. Jeden Werktag zählen die Häuser nach Angaben des Verbandes 700 000 Besuche. Knapp 470 Millionen Medien werden jedes Jahr ausgeliehen. Die Ausleihzahlen sind nach wie vor hoch. Bei Büchern, CDs und Co. gingen sie zuletzt zwar leicht zurück, doch die Nutzung elektronischer Angebote wie etwa E-Books sei "nachgerade explodiert".

Von diesem Dienstag (26. Mai) an treffen sich in Nürnberg 4000 Bibliotheksexperten aus dem In- und Ausland und diskutieren über die Herausforderungen und Probleme der Häuser. Eines ihrer wichtigsten Anliegen: die Sonntagsöffnung. Bislang ist das nur wissenschaftlichen Bibliotheken mit Präsenznutzung erlaubt. "Das erscheint obsolet und unzeitgemäß. Das muss für alle Bibliotheken gelten", sagt Simon-Ritz. Büchereien seien Kultureinrichtungen wie Museen und Theater und sonntags sei der attraktivste Tag gerade für Familien. Auch der größte Berufsverband BIB hat sich hier für eine Gesetzesänderung ausgesprochen.

Ein weiteres Thema, das den Bibliothekaren Kopfschmerzen bereitet, sind die E-Books. Bislang haben öffentliche Bibliotheken nicht die Möglichkeit, alle verfügbaren elektronischen Bücher anzubieten. Denn die Verlage können selbst bestimmen, ob sie eine Lizenz an Bibliotheken vergeben oder nicht. Und viele große Verlage verweigern das. Sie befürchten eine Konkurrenzsituation zwischen Bibliotheken und (Online-)Buchhandel, wie eine Sprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels sagt. Der Branchenverband will daher keine Gesetzesänderung, sondern setzt auf Gespräche zwischen Bibliotheken, Buchhandel und Verlagen.

"Es kann nicht sein, dass Verlage ganze Segmente vom Erwerb ausschließen können", sagt Klaus-Rainer Brintzinger, Chef des Vereins Deutscher Bibliothekare. "Als Kunde erwarte ich heute, in meiner Bibliothek den Bestseller auch als E-Book zu finden", ergänzt Tom Becker vom BIB. Die Bibliotheken sind der Ansicht: "Ein Buch ist ein Buch" - egal ob in gedruckter oder elektronischer Form. Und daher sollten für beide die gleichen Regeln gelten - übrigens auch der gleiche ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, den es bislang nur für gedruckte Bücher gibt. "Das ist ein Hindernis für Wissenschaft und Bildung", sagt Brintzinger. Die große Koalition in Berlin habe das Thema E-Books jedoch bereits auf der Agenda, sagt Simon-Ritz. Er sei zuversichtlich, dass sich hier noch in dieser Legislaturperiode etwas verändere.

"Bibliotheken sind keine Papiermuseen", betont der Verbandschef. "Sie stellen wichtige Dienstleistungen zur Verfügung." Für Studenten etwa seien sie ein unverzichtbares Arbeitsinstrument; durch Beratungen und Kurse könnten sie helfen, sich im Informationsdschungel zurecht zu finden.

Öffentliche Bibliotheken hätten es hier etwas schwerer: "Der Druck ist hier höher, um Akzeptanz und Neugier bei den Nutzern zu werben." Um attraktiv zu bleiben, sei ein kritischer Blick auf den Bestand nötig: "Was wird geliehen, was ist wichtig, was ist attraktiv? Ich glaube, dass auch Bibliothekare sich - provokativ gesagt - ein bisschen von der Ideologie trennen müssen, eine gute Bibliothek ist eine voll gestellte Bibliothek, die noch dazu hehren erzieherischen Maßstäben genügt."

Schließungen von ganzen Bücherei-Standorten in größeren Kommunen habe es in den vergangenen Jahren kaum gegeben. Und dennoch litten auch die Bibliotheken unter den Sparzwängen der Städte. "Die Kosten sind ein echtes Problem", sagt Simon-Ritz. Einsparungen, Etatkürzungen und Personalabbau seien an der Tagesordnung. "Das macht einem schon Sorgen, wenn es so ein deutlicher übergreifender Trend ist. Wie soll man da noch ein attraktives Angebot aufrechterhalten?"