"Peter im Tierpark", "Am Strand" oder "Schachspieler": Bilder, die bei den meisten Menschen, die zu DDR-Zeiten in der Schule waren, Erinnerungen hervorrufen. Besucher aus dem Westen betrachten die Werke dagegen aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Rostock (dpa) l Es gibt tatsächlich Kunstwerke, die fast jeder Einwohner eines Landes kennt. Das meint der Dresdner Kunsthistoriker Paul Kaiser und verweist dabei nicht etwa auf die "Mona Lisa", sondern auf "Peter im Tierpark" des 1926 geborenen Harald Hakenbeck. Dieses 1960 entstandene Bild zierte über Jahrzehnte hinweg diverse Schulbücher der DDR und prägte die Kunstvorstellungen einer ganzen Generation. "Jeder Schüler bis in die 1980er Jahre hinein kam zwangsläufig mit dem rätselhaft melancholisch wirkenden Jungen in Berührung", sagt Kaiser. "Ein ganz suggestives Knabenbildnis in Kobaltblau."

Das Original ist neben weiteren Klassikern der DDR-Kunst in der Ausstellung "Bilder machen Schule. Kunstwerke aus DDR-Schulbüchern" bis 6. April in der Rostocker Kunsthalle zu bewundern. Die Schau ist ein Kooperationsprojekt mit dem Dresdner Institut für Kulturstudien, das sich für eine Neubewertung der in der DDR entstandenen Kunst einsetzt. "Es ist Zeit für einen fairen Blick auf die Kunst aus der DDR, auch im Westen", sagt Institutsvorstand Cornelius Fetsch.

In den Lehrbüchern der Fächer Deutsch, Kunsterziehung und Geschichte wurden die zeitgenössischen Werke abgedruckt und kommentiert. Erstmals sind nun 40 Werke aus den Jahren 1953 bis 1989 in der Ausstellung zu bewundern, sagt Kunsthallenchef Jörg-Uwe Neumann stolz. Bilder wie "Am Strand" von Walter Womacka (1925-2010) oder der "Schachspieler" von Willi Neubert (1920-2011) seien im kollektiven Gedächtnis der Menschen hängengeblieben, sind zu Ikonen der DDR-Gesellschaft geworden.

Bei den meisten Bildern ging es um ideale Zustände, die der Sozialismus einmal einnehmen sollte. Und die Rostocker Kunsthalle sei prädestiniert für die Ausstellung: Sie ist das einzige in der DDR-Zeit gebaute Kunstmuseum, sagt Neumann. Die Ausstellung biete die Möglichkeit, sich selbst in Beziehung zur eigenen DDR-Vergangenheit und zur neuen Zeit zu setzen - ein "spannender Prozess", betont Kurator Kaiser.

Ideale Zustände, die der Sozialismus einmal einnehmen sollte

Für den West-Besucher könne die Schau eine Annäherung an die DDR-Realität bieten. Vielleicht ist auch ein Verständnis für die Lebenswirklichkeit im Osten möglich, gibt Neumann zu bedenken. "Adressat war nicht wie im Westen das gebildete Bürgertum, es waren die einfachen Menschen", sagt Kaiser.

Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, sieht die große Symbolik der Ausstellung. "`Peter im Tierpark` hing im Klassenzimmer der Grundschule, `Am Strand` beim Vater im Arbeitszimmer." Den Kunstunterricht habe sie immer als eine Art Insel empfunden, ideologisch nicht so verquast wie andere Fächer wie die Staatsbürgerkunde. Die Ausstellung biete viel Gesprächsstoff.

Es gab mehrere Gründe für das Vorgehen der DDR-Pädagogen. So sollten Kinder an die zeitgenössische Kunst herangeführt werden, die laut Kaiser nahezu alles verdrängt hatte, was das 20. Jahrhundert bis dahin an Kunst hervorgebracht hatte. Gleichzeitig sei die Bildende Kunst in der DDR sehr populär gewesen. So habe die Dresdner Kunstausstellung Anfang der 80er Jahre fast zwei Millionen Besucher gezählt. "Für ein 18-Millionen-Volk war das allerhand."

Bei den Schulbuchbildern sei es auch um die Integration in die Gesellschaft gegangen, wie das nach dem Mauerbau 1961 entstandene Bild "Am Strand" zeigt. Es sei das Gegenstück zu den Strandbildern, bei denen Menschen sehnsuchtsvoll zum Horizont schauen. "Bei Womacka blickt das Paar mit dem Rücken zum Meer ins Land." Hier geht es um Politik. "Die Bilder sollten einen Konsens mit den Mächtigen vermitteln und das Gefühl von der "Ankunft im Alltag" transportieren, der Ankunft in der DDR", sagt Kaiser. Eines sei allen Bildern gemein: "Niemals wurde das System infrage gestellt."

Die Ausstellung ist bis zum 6. April zu sehen. Der Eintritt kostet 6 Euro (erm. 4 Euro).

 

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