Magdeburg l Die Wohnung von Stanley und Stella Kowalski, wo das Drama abläuft, ist auf einem Drehpunkt installiert. Wiederkehrend drehen die Akteure das Haus, oft in einer Haltung, als wäre es eine große Beschwerlichkeit, dieses Leben zu bewegen. Bühnenbildner Wolf Gutjahr baute eine Szene, die den Schein einer Bürgerlichkeit suggeriert, aber auch jenen Punkt markiert, wo man die Sau rauslassen kann. In der erdigen Zone am Bühnenrand tun das dann auch Stanley und seine Freunde bis zum Abkotzen.

Der Regisseur lädt den Abend von Anfang an mit Tempo auf und einer Kraft, die sich im athletischen Gebaren des Stanley individuell widerspiegelt. Konstantin Marsch stülpt die innere Vitalität des Stanley, die so viel Aggression besitzt, seiner Figur über, indem er immer wieder zeigt, was sein Körper leisten kann. Stanley ist darin geübt, auch körperlich zu beweisen, dass er einer ist, der im Daseinskampf keine Antwort schuldig bleibt und schon gar nicht einer Blanche, die glaubt, aus dem einstigen Wohlstand ihrer Familie eine überlegene Kultur übernommen zu haben.

Vergewaltigung als eine Hinrichtung, die von perfider Sensibilität ist

Wenn Stanley Blanche vergewaltigt, um den Sieg seiner Lebensart zu krönen, inszeniert Hawemann eine Hinrichtung, die von perfider Sensibilität ist. Der Sieg der sozial und biologisch Stabilen über Leute, die Ideale verteidigen, erscheint als eine dreckige Ungerechtigkeit vor dem Tribunal höherer Werte.

Der Wechsel zwischen dynamischen Szenen und solchen, die die Zeit anhalten, und die Live-Musik von Günther Harder und Raphael Tschernuth machen die Inszenierung so spannend wie gefühlvoll. Das Timing der Aufführung kulminiert vor der Pause, wo man so gerne glauben möchte, dass zwischen Blanche und Mitch ein kleines Menschenglück möglich ist, dann aber folgt die Tragödie.

In die Irrenanstalt mit Traumkleid statt Zwangsjacke

Marlène Meyer-Dunker, die mit Konstantin Marsch am Ende den meisten Beifall erhält, spielt die Blanche in allen Facetten souverän, ebenso wie Katharina Schlothauer, die als Stella ständig zwischen der Anteilnahme für ihre Schwester und ihrem sexuellen Körperinteresse für Stanley hin- und hergerissen ist. Michael Ruchter als Mitch balanciert die Kluft zwischen dem Verlangen nach einer Frau wie Blanche und seiner sozialen Verortung schauspielerisch überzeugend aus.

Regisseur Hawemann fügt dem Text Tennessee Williams`, und das zeichnet seine Arbeit aus, eine nonverbale Verständigungsweise hinzu, die sich statt der Sprache über Gesten und Gebärden mitteilt. Da dominiert Beobachtung aktueller Verhaltensweisen. Das beherrschen alle Mitwirkenden bestens, so Luise Audersch als Nachbarin Eunice oder Günther Harder als Steve, Raphael Tschernuth als Pablo.

"Endstation Sehnsucht" erscheint, neben anderen faszinierenden Titeln, die Williams erfand, inzwischen als eine Floskel aus einer Zeit, wo wir noch nicht texteten, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Hawemann bedient diese Hoffnung dennoch irgendwie: Die Blanche der Marlène Meyer-Dunker zieht in die Irrenanstalt nicht per Zwangsjacke und Gewalt ein, sondern in einem Traumkleid und mit einer Musik, die ihrer im Kern schönen Seele ein Finale bereitet, ähnlich dem von Senioren, die per Demenz nicht sterben, sondern eine Reise in den Süden antreten. Das scheinbar Bessere endet in der Illusion einer erstrebenswerten Zukunft - ein faszinierender Schluss einer exzellenten Inszenierung.

Weitere Vorstellungen am 30. März sowie am 4., 20. und 25. April und am 29. Mai.

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