Magdeburg l Gonzalo Galgueras neue Umsetzung 101 Jahre nach der umstrittenen Pariser Uraufführung 1913 verdient durchaus einen markanten Platz im Reigen berühmter Choreografien. Die Arbeit des Ballettdirektors zu Strawinskys "Le Sacre du Printemps" fokussiert die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die spannungsgeladene Einheit von Musik und Tanz.

Schon am Beginn verführt die eröffnende Fagottmelodie zu einer lyrischen Erwartung auf Kommendes. Das Bühnenbild von Juan León mit leuchtenden kubischen Gebilden auf der Rückseite und einer möglicherweise drohend anmutenden Hängung wie ebenso die später ins Bild kommenden Kostüme von Stephan Stanisic künden von Zeitlosigkeit, Universalität.

Anachronistischer Widerspruch erschreckend dargestellt

Der Frühling beginnt, so wie er zurzeit ganz real erlebbar ist, mit all den erhebenden Gefühlen. Doch als das Fagott verstummt, wird das Publikum mit einem uralten heidnischen Ritual konfrontiert: Um den Frühlingsgott versöhnlich zu stimmen, muss ihm eine Jungfrau geopfert werden.

In den in insgesamt etwa 30 Minuten "erzählten" zwei Teilen "Anbetung der Erde" und "Das Opfer" wird dieser an sich anachronistische Widerspruch sehr direkt und teils erschreckend dargestellt. Igor Strawinskys für das 20. Jahrhundert epochale Musik lässt die Konflikte teils fast schmerzhaft körperlich erleben.

Die Magdeburger Philharmonie unter der Leitung von Michael Balke interpretiert sie packend, bringt die wechselnden Rhythmen, die Dissonanzen, die kurzen aggressiven Sequenzen auf den Punkt.

Es ist Ausdruckstanz pur

In diesem gelungenen künstlerischen Beziehungsgeflecht gebührt den 22 Akteuren der Companie höchste Anerkennung. Mit größter Kondition und brillanter Tanzkunst bewältigen sie die in schneller Abfolge und in sich mit Rasanz gespickten Szenen, die allesamt den Charakter von Höhepunkten haben.

Es ist Ausdruckstanz pur. Ein faszinierendes Bewegungsrepertoire, gespannt von gruppendynamischem rhythmischem Stampfen und Springen, rivalisierenden Auseinandersetzungen bis zum mehr versöhnlichen "Tanz der Erde". Szenen hoher Emotionalität bewegen die Zuschauer.

So ist es fast atemlos still, als bei völliger Dunkelheit ein Lichtspot über den auf der Bühne liegenden Menschen suchend umherirrt - und schließlich auf der "Auserwählten", dem Opfer, hält. Die Hauptdarstellerin Lou Beyne zeigt ihr Schicksal ungemein authentisch. Höhepunkt ist der Opfertanz, den sie mit allen Fasern ihres Körpers, hin bis zur Ekstase darstellt - und schließlich in den Tod geht.

Kontrastreiche Choreografien

Für den ersten Teil des faszinierenden Tanzabends hat Gonzalo Galguera eine Uraufführung nach "Psalóm" und der 3. Sinfonie geschaffen, zwei modernen Kompositionen von Arvo Pärt. Übergreifend und geistig verbindend zwischen beiden kontrastreichen Choreografien ist das Symbol des Rituals.

Auf der total leeren weiten Bühne mit großflächigem blaudominiertem Hintergrund erlebt der Zuschauer bei der Pärt-Vertanzung zunächst zwei Paare, die mit teils mechanisch anmutenden, sehr exakt zelebrierten Arm- und Beinbewegungen sowie mit ineinander verschmelzenden Körperkontakten innige Beziehungen vermitteln.

Mit der nahtlos beginnenden Sinfonie gewinnt das Geschehen auf der Bühne durch das ausdrucksstarke Agieren weiterer Tänzerinnen und Tänzer räumliche Fülle und inhaltliche Ausdruckstärke.

Langanhaltender Beifall, stehende Ovationen und Bravorufe sind am Ende des Abends im Magdeburger Opernhaus verdienter Lohn für ein großes Balletterlebnis.

Die nächste Vorstellung von "Le Sacre du Printemps" erwartet die Besucher am 26. April um 19.30 Uhr.