Es sind die gewagten, auf die Zukunft gerichteten Formen von Gebäuden aus der DDR-Zeit, die den Leipziger Künstler Maix Mayer fesseln. Bauingenieur Ulrich Müther (1934-2007) steht für dieses in die Zukunft Gerichtete zwischen tristen Plattenbauten. Mayer hat sich mit Müther und dessen kühnen Verwirklichungen beschäftigt. Was er in Magdeburg fand, was ihn hier inspirierte, zeigt er im Kunstmuseum Kloster unser Lieben Frauen.

Magdeburg. Der Besucher der Ausstellung "Alphaville – MD" sieht sich beim Betreten des großen Gewölbes im Kunstmuseum mit sozialistischer Stadtplanung konfrontiert. Wohnblöcke, Straßen, Schwimmhalle, Bäume, Mehrzweckbauten sind auf einer großen Spanplatte vereint. Sie zeigt das Zentrum Nord. Auf das einst von der DEWAG Neubrandenburg Produzierte ist Maix Mayer bei seinen Recherchen im Stadtplanungsamt Magdeburg gestoßen. "Ich wollte diese modellartige Situation nutzen", sagt der Künstler. Die Modelle seien eine Folie für ihn, die vom ursprünglich Dokumentarischen wegführe. "Ich transformiere sie."

Spiegel erweitern visuell das Wohngebiet, das mit einer Lichtorgel blitzartig in gelbes, grünes, rotes Licht getaucht wird. Taktgeber für die Scheinwerfer ist eine CD, die man nicht hören kann, auf der jedoch nach Aussage des Künstlers ein Gespräch von Adorno und Ernst Bloch aus dem Jahr 1964 festgehalten ist. Thema: Möglichkeiten der Utopie heute.

Ein weiteres Modell, eine Collage, vereint ein Papp-Sammelsurium aus Wohnhäusern, die, so sagt Mayer, nicht mehr zugeordnet werden konnten. Dahinter laufen Bilder von Baabe, Binz, Saßnitz, Potsdam, Warnemünde, Rostock. Sie zeigen Arbeiten von Ulrich Müther. Die waren zu DDR-Zeiten bekannt wie die sprichwörtlichen bunten Hunde. Weil sie außergewöhnlich waren, kühn, visionär. Der Rettungsturm in seiner Heimat Binz beispielsweise glich einem Ufo, mit dem Besucher aus einer fernen Welt in der real existierenden DDR gelandet sein könnten. Der Name Müther steht für Warnemündes Wahrzeichen, den "Teepott", die "Ostseeperle" in Glowe, das Schwimmbad für das ZK-Heim in Baabe, Planetarien rund um den Globus, für die die DDR als Gegenleistung tausende VW Golfs bekommen haben soll. Kirchen, Buswartehäuschen, Mehrzweckhallen, Gaststätten wie das "Ahornblatt" in Berlin trugen seine Handschrift. Das "Ahornblatt" ist längst abgerissen, andere Bauten führen ein tristes Dasein. Bestes Beispiel: die 48 mal 48 Meter große Magdeburger Hyparschale.

Mayer interessiert sich seit vielen Jahren für diese Bauten, mit denen sich einst Architekten und Ingenieure in die Zukunft dachten. Eine Zukunft, die heute, wie der Leipziger Künstler sagt, unsere Gegenwart ist. Vor zwei Jahren hat sich Mayer auf die Suche nach Arbeiten in Deutschland begeben, an denen Müther mitgewirkt hat. Mayer stieß dabei auch auf Magdeburg und hat sich für seine jetzige Ausstellung erneut mit der Stadt beschäftigt. Magdeburg nennt er schmunzelnd "die heimliche Müther-Hauptstadt" und spricht von der Hyparschale, den Schirmschalen für den Ladenvorbau in der Julius-Bremer-Straße, der ehemaligen Gaststätte "Kosmos" in der Otto-Baer-Straße und deren Pendant im Norden Magdeburgs.

Die Hyparschale (errichtet 1969) gehört zu den "Protagonisten" einer Medieninstallation von Mayer, für die er sich neben den einstigen architektonischen Visionen auch mit dem Heute beschäftigt hat und der Frage nachgeht, wie Zukunft in der Gegenwart ablesbar wird.

Regisseur Jean-Luc Godard hat sich damit in seinem Film "Alphaville" (deutscher Titel: "Lemmy Caution gegen Alpha 60") beschäftigt, ein Film mit Science-Fiction- und Film-Noir-Motiven. Die Ausstellung bedient sich des Titels "Alphaville", der Godardschen fernen, futuristischen Stadt. "So wie Jean-Luc Godard über die Zukunft nachdachte, so hat die Architektur der 70er Jahre einen Blick in die Zukunft gewagt", sagt Kurator Uwe Gellner.

"Alphaville – MD" ist bis zum 27. März zu sehen.

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