Durbach/Halle (dapd). Ob Kunststudent, Soldat, Partisan oder Parteifunktionär – auf den DDR-Künstler Willi Sitte treffen zahlreiche Bezeichnungen zu. Sitte zählt fraglos zu den schillerndsten unter den zeitgenössischen Künstlerpersönlichkeiten.

Am 28. Februar wird der Maler 90 Jahre alt. Doch die große Retrospektive scheint auszufallen. Nur in Durbach, einer Fachwerkidylle am Rand des Schwarzwalds, öffnet einen Monat vor dem Geburtstag eine Ausstellung. Von zurückliegendem Sonnabend bis zum 25. April präsentiert das Durbacher "Museum für Neue Kunst Sammlung Hurrle" die Ausstellung "Willi Sitte. Frühe Werke 1950 bis 1960".

Sittes Erfolg in der ehemaligen DDR, in der er es bis zum Präsidenten des Verbands Bildender Künstler und zum Mitglied des Zentralkomitees der SED gebracht hatte, scheint seit der Wiedervereinigung wie ein Fluch über dem Werk des Künstlers zu liegen.

Der Sammler Rüdiger Hurrle kennt die Auseinandersetzung um die politische Rolle Sittes. "Willi Sitte nicht auszustellen hieße, die Person Sitte über die Kunst zu stellen. Aber es ist die Kunst, die zählt", sagt er. Ursprünglich hatte Hurrle vor, in dem letztes Jahr eröffneten Museum eine repräsentative Ausstellung mit Kunst der DDR zu machen, sozusagen als Beitrag zur Feier des 20-jährigen Jubiläums der deutschen Einheit.

In Gesprächen mit Kunsthistorikern und Galeristen tauchte immer wieder der Name Willi Sitte auf. "Er ist nicht nur der älteste lebende, sondern auch einer der ganz großen Künstler der DDR, der die Kunst der DDR am nachhaltigsten repräsentiert, gerade weil er auch Politiker war", erläutert Hurrle. "Es ist jetzt einfach fällig, Sitte auszustellen."

Aber es sind nicht die Werke des DDR-Staatskünstlers, die in Durbach gezeigt werden. Die Arbeiten des Jahrzehnts zwischen 1950 und 1960 zeigen einen Künstler auf der Suche. Auf drei Jahre Ausbildung an der Kunstschule im heute tschechischen Reichenberg folgte 1939 das Studium an der Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei. Das Studium fand 1940 ein abruptes Ende, weil Sitte zusammen mit anderen Studenten dagegen protestiert hatte, vom Professor nur als Hilfsarbeiter für einen Staatsauftrag eingesetzt zu werden.

Der aus einer politisch links stehenden Familie stammende Sitte musste zum Kriegsdienst, aus dem er 1944 zu Freunden in der italienischen Resistenza floh. So konnte Sitte zwar hervorragend zeichnen, aber die Malerei musste er sich weitgehend autodidaktisch aneignen.

"Picasso und Léger sind meine Lehrmeister", habe ihr Vater immer gesagt, berichtet Sarah Rohrberg. Die Tochter Sittes ist im Vorstand der Willi-Sitte-Stiftung in Merseburg, die den Großteil der Bilder für die Ausstellung in Durbach bereitgestellt hat. Sittes Frühwerk zeigt nicht nur die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Malerei und der klassischen Moderne. Es gibt auch Einblick in Sittes Leben. "Der Kriegsdienst war eine große Zäsur im Leben meines Vaters. In einigen Bildern, die auch in der Ausstellung gezeigt werden, hat er seine Kriegserlebnisse verarbeitet", erzählt Sarah Rohrberg. Tatsächlich sind diese Bilder "Massaker II" und "Die rufenden Frauen. Studie zu Lidice" die größten und ausdrucksvollsten unter den ausgestellten Werken.

Die erkennbaren stilistischen Anleihen bei Picasso und Léger stießen bei der DDR-Führung keineswegs auf Gegenliebe. Ob es die surrealen, von Grautönen geprägten Arbeiten sind oder die Studien und Bilder zur Hochwasserkatastrophe in der Po-Ebene, keines von Sittes frühen Gemälden wollte zum geforderten sozialistischen Realismus passen. Vom Frühwerk aus betrachtet war es ein weiter Weg bis zum Staatskünstler.

Willi Sitte freue sich sehr über die Ausstellung in Durbach, sagt seine Tochter. In Halle, wo der Künstler seit 1947 wohnt, habe man nicht die Räume für eine große Werkschau, teilt das Kulturamt der Stadt mit. Man werde Sittes 90. Geburtstag in entsprechender Form würdigen, Genaues sei noch nicht festgelegt.