Magdeburg l Die Ungeheuerlichkeiten des Alltags sind ein schleichendes Gift. Man wird allmählich unempfindlich. Erst verliert man die Betroffenheit, dann den Zorn und schließlich den Mut zum Handeln. Bölck und Pölitz jedoch sind zornig. Sie ertragen die Gleichgültigkeit, das dumpfe Hinnehmen unverhohlener Lügen und Handlungen im politischen Weltgeschehen nicht mehr. Das spürt man.

Dieses Programm geht unter die Haut. Es wird herzlich gelacht, aber im nächsten Moment kann das Lachen im Halse steckenbleiben. Das Ganze geschieht höchst intelligent und pointiert. Die beiden Protagonisten zelebrieren politisch-satirisches Kabarett in seiner ursprünglichsten und stärksten Form, in dem sie dem Publikum das ungeschminkte Spiegelbild des satten, vor allem am eigenen Ich Interessierten vorhalten. Und das machen sie sehr direkt, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten, wenn gleich zu Beginn Hans-Günther Pölitz verkündet "Die Leute lassen sich alles bieten, selbst wenn wir nichts bieten". Jeder weiß, wie das gemeint ist, und dass in den folgenden zwei Stunden genau das Gegenteil passiert.

Von Thema zu Thema getragen

Die Kabarettisten ziehen alle Register, die Nummern sind von Regisseurin Regina Pölitz geschickt arrangiert, so dass man von Thema zu Thema "getragen" wird, und an der Musik der Sonderklasse hat auch Christoph Deckbar einen besonderen Anteil.

Scheu vor großen Namen haben die Kabarettisten noch nie gehabt. Das beweisen sie auch bei "Kimme und Zorn". Ob nun Jesus als Teppichhändler, Gauck als der Wallach, der immer auftaucht, sobald von Freiheit die Rede ist, oder das köstliche, von Bölck beschriebene Bild einer familienfreundlichen Ursula-von-der-Leyen-Armee, die über ein Schreiben an den "Lieben Feind" informiert, warum die Feindseligkeiten ausfallen müssen.

Der Dialog der beiden Lobbyisten, einer für Waffen und einer für Bio-Viren, ist einer der ganz starken Momente. Er offenbart durch bitteres Lachen die ganze Menschenverachtung, die in diesem Geschäft steckt. Aber auch das übrige Programm besticht durch eine unglaubliche Menge an virtuosen kabarettistischen Wortspielen, Uralt-Kalauer werden aber durchaus nicht ausgespart. Ob nun Frau Merkel auf einer Schleimspur gleitend bei Obama in die Annalen eintreten will, oder die feinsinnige Bemerkung, dass Politiker, die keine Visionen haben, wenigstens Di-visionen brauchen.

Verblüffende sprachliche Qualität

Bölck und Pölitz sind Urgesteine des Kabaretts auf Augenhöhe. Das macht das Spiel der beiden so prägnant. Deutlich wurde dies vor allem beim Faust-Dialog zwischen dem Teufel und Heinrich. Goethes "Faust" ist ein unerschöpflicher Quell, den Hans-Günther Pölitz auch früher schon genutzt hat. In ihrer kabarettistischen Adaption der Verse, streckenweise von einer sprachlich verblüffenden Qualität, übertreffen sich die beiden gegenseitig. Pölitz ist der Mephisto mit Umhang und Kappe förmlich auf den Leib geschrieben. Mit spürbarer Lust an dieser Rolle präsentiert er sich nicht nur wortgewaltig, sondern auch darstellerisch in Höchstform. Grandioses Fazit dieser mit Beifall bedachten Nummer: "Ja, der gehört ins Hohe Haus, der selbst noch trickst den Teufel aus!" Da hätte vermutlich sogar der alte Geheimrat seine Freude dran gehabt.

Mit dem Schlusslied "Steh auf" kommen die Kabarettisten zielgenau zu ihrem Eingangscredo: Es ist Zeit, sich zu wehren, jetzt und hier.

Karten sind wieder erhältlich für die Aufführungen in der kommenden Spielzeit ab September.