Stern-Combo Meißen ist eine der ältesten deutschen Rockbands. Merken Sie das, wenn Sie auf der Bühne stehen?
Martin Schreier: Man merkt es dahingehend, dass das Publikum mit uns alt geworden ist. Das Alter der meisten Besucher liegt jetzt zwischen 40 und 70 Jahren.

Wie sieht es bei Ihnen mit körperlichen Zipperelein aus?
Ich bin noch vor jedem Auftritt aufgeregt. Aber ich habe so viel Routine, dass mich das nicht aus der Bahn wirft. Man ist dann trotzdem voll bei der Sache und spielt begeistert wie vor 30 oder 40 Jahren.

Sie haben wirklich immer noch Lampenfieber?
Klar! Wenn man vor großem Publikum spielt, ist das immer etwas aufregend. Ich laufe dann ein bisschen auf und ab, trinke noch ´nen Schluck Cola. Aber sobald ich auf der Bühne stehe und anfange zu spielen, ist das alles weg. Dann bleibt nur noch die Freude - am Spiel und daran, dass uns die Fans treu geblieben sind.

Mal abgesehen von den gealterten Fans: Was ist der größte Unterschied zwischen einem Konzert der Stern-Combo Meißen heute und vor 30 Jahren?
Da gibt`s eigentlich keinen Unterschied. Denn die Musik, die wir spielen und vor allem die Texte sind zeitlos. Alle Themen, die wir ansprechen, waren damals aktuell und sind es auch heute noch.

War Ihnen das bewusst, als Sie die Texte geschrieben haben?
Teilweise war uns das schon bewusst. Einige Texte haben wir selbst geschrieben, die anderen kamen von Kurt Demmler. Sie alle wurden so gestaltet, dass man zwischen den Zeilen ein bisschen Gesellschaftskritik hineininterpretieren konnte.

Und damit sind Sie immer durch die DDR-Zensur gekommen?
Wenn die Texte zu politisch waren und die Themen zu konkret angesprochen wurden, gab`s Ärger. Wir hatten zum Beispiel mal ein Lied, das sich kritisch mit der Umweltproblematik auseinandersetzte. Da hieß es an einer Stelle: "Wir denken an den Umweltschutz gestern, heute, morgen. Denn der viele Schmutz macht uns wirkliche Sorgen." Über diese Zeilen gab`s eine lange Diskussion. Aber letztendlich hat man ihn dann doch genehmigt.

Seit März sind Sie auf Tour. Dabei treten Sie auch in vielen kleinen Städten auf. Wonach wurden die ausgesucht?
Das ist schwer zu sagen. Wir sind eine Band, die in der damaligen DDR überall gespielt hat und ihre Fans hatte. Deshalb gab es keine Hochburgen, in denen wir heute bewusst Konzerte geben. Wir gucken einfach in den einzelnen Orten, ob die Location stimmt.

Die Katharinenkirche in Stendal hat zum Beispiel gestimmt.
Genau. Dort haben wir im April vor ausverkauftem Haus gespielt. Das war ein wunderbares Konzert, wo die Leute frenetisch gefeiert haben. Das hat unheimlich Spaß gemacht.

Am 19. Juli sind Sie in Wernigerode. Wissen Sie, wann Sie dort zuletzt gespielt haben?
Wir haben dort 1997 beim Stadtfest gespielt - vor dem alten Rathaus auf einer Freilichtbühne. Das war auch schön.

1997 war die Formation von Stern-Combo Meißen eine andere als heute. Überhaupt wurden oft Musiker ausgetauscht. Hat das der Band eher genutzt oder geschadet?
Stern Meißen ist ein Art Musik-Projekt, das es schon über eine sehr lange Zeit gibt. Die Künstler sind dabei nicht das Wichtigste. Das Projekt an sich und das Anliegen waren schon immer das Entscheidende. Die Wechsel waren oft den politischen Verhältnissen geschuldet. Wir hatten in den 70er Jahren ein riesiges Publikum, denn wir haben eine ganz spezielle Musik gemacht, die niemand sonst machte. Dadurch gab es auch viele Anfragen von großen Agenturen und Plattenfirmen. Aber man hat uns die Angebote nicht wahrnehmen lassen.

Daraus resultierte, dass der eine oder andere Spitzenmusikant, zum Beispiel Uwe Hassbecker, der heute bei Silly spielt, zu einer Band gegangen ist, die auch im Westen auftreten konnte.

Und wieso gab es nach der Wende immer noch Wechsel?
Da ging es oft darum, dass man von der Musik leben können muss. Wenn man nicht so viele Konzerte spielt, ist es eben auch eine existenzielle Frage, ob man dabei bleibt.

Die anderen Mitglieder machen alle noch etwas nebenher. Der Bassist spielt in weiteren Bands, der Schlagzeuger ist Musiklehrer am Gymnasium.

Sie haben eben gesagt, bei Stern Meißen steht das Anliegen des Projekts im Vordergrund. Worin besteht das?
Uns geht es darum, eine zeitlose, anspruchsvolle, spezielle Art Musik zu machen.
Auch der Bezug zu Sachsen ist von Bedeutung.
Unsere Musik und Inhalte sind eigentlich unverwechselbar.

Sie haben einst ein riesiges rocksymphonisches Werk dem Meißener Porzellan gewidmet. Was ist von der Heimat-Verbundenheit geblieben - wo Sie jetzt in Berlin leben?
Sie ist nach wie vor da. Unsere ganzen Wurzeln des künstlerischen Geschehens stammen ja von dort.

Die Musiker der Ursprungsformation sind zum Beispiel auf die Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden gegangen. Das hat uns in stilistischer und inhaltlicher Hinsicht geprägt.

Geprägt haben Sie damals auch Bands wie Pink Floyd und Genesis. Wenn Sie sich die aktuelle Musiklandschaft anschauen: Zu wem blicken Sie heute auf?
Ich finde zum Beispiel die Kings of Leon fantastisch. Es gibt aber auch eine Menge deutschsprachiger Künstler, die ich sehr gut finde, wie Rammstein und Xavier Naidoo.

Einen Mangel an interessanter und professioneller Rock- und Popmusik haben wir in Deutschland jedenfalls nicht.