Der Sprachjongleur im Hawaiihemd steht wieder auf der Bühne. "Wie soll ich sagen...?" heißt das neue Programm von Jürgen von der Lippe. Bevor er es im Oktober in Ilsenburg präsentiert, sprach er mit Volksstimme-Redakteurin Elisa Sowieja.

In einer Rezension Ihres aktuellen Programms bin ich über einen Liedtitel gestolpert: Was bitte ist eine Ethno-Sozialballade?
Jürgen von der Lippe: Das ist zunächst einmal eine Wortschöpfung von mir, die wir uns genüsslich auf den Ganglienknoten zergehen lassen können und aus deren einzelnen Bestandteilen wir dann so etwas wie eine Sinngebung herausfiltern.

Worin liegt denn in diesem Falle der Sinn?
Ethno ist die Volkszugehörigkeit, sozial soll das Feld umreißen - das heißt, der Kosmos menschlicher Beziehungen - und Ballade ist ein langsames Lied.

Folglich besingen Sie in Ihrem Lied...
Im Lied besinge ich einen jungen Einheimischen in einem Urlaubsort.

Darauf hätte ich auch selbst kommen können.
Das ist, was ich damit zart andeuten wollte.

In Ihrem Programm verwenden Sie so einige Wörter, auf die man sonst eher selten stößt - man nehme etwa das Lied mit kontraintuitivem Verlauf. Wo suchen Sie nach solchen Begriffen?
Kontraintuitiv ist einfach ein Terminus, der bedeutet, dass etwas gegen die Erwartungshaltung verläuft.

Auf jeden Fall ist es ein Wort, das man selten benutzt.
Ich benutze es sehr häufig.

Sie müssen also nicht suchen, sondern haben die Begriffe in Ihrem Wortschatz parat.
Ich bin begeisterter Klugscheißer. Außerdem bin ich Altsprachler, habe Latein und Griechisch gelernt. Und ich sage mir: Wenn ich mich schon als Kind ungefragt dieser Anstrengung unterziehen musste und zwei tote Sprachen gelernt habe, dann soll es wenigstens zu etwas nütze sein - nämlich zum Angeben.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Sprache in den Mittelpunkt Ihres aktuellen Programms zu rücken?
Man will ja in jedem Programm so etwas wie ein Motto haben. Man denkt sich einen Titel aus und sieht dann zu, dass man auch ein paar Geschichten hat, die unter dieser Klammer subsumiert werden können. In der Tat haben sehr viele Geschichten mit Sprache zu tun - bei Licht besehen sogar alle, weil sie sprachlich erzeugt sind. Aber man sollte nicht so viel hineingeheimnissen in den Titel. Es ist ein Programm, das wie meine vorherigen Programme auch eine große Abwechslung bietet. Es ist eine Abfolge von Stand-Up-Monologen, Parodien, Figuren, Liedern. Wirklich neu ist, dass ich Leute aus dem Publikum auf die Bühne hole, mit ihnen Sprachspiele und musikalische Spiele mache.

Ich hätte gedacht, Sie haben sich vor dem Fernseher über Heidi Klums Plusquamperfekt aufgeregt und daraufhin beschlossen, ein Programm über den Sprachverfall zu machen.
Nein, wenn ich ein Programm schreibe, dann schöpfe ich aus allen möglichen Quellen. Mein Arbeitszimmer kann man nicht mehr betreten. Das steht voller Kisten mit ausgelösten Zeitungsseiten, die ich aufhebe, bis mich mal irgendein Musenkuss ereilt. Das machen ja viele Leute: Sie lesen Zeitung und denken, da ist irgendwas drin - ohne dass sie sofort wissen, was es ist. Man hat nur so ein Gespür, und hebt es für den Fall der Fälle auf. Das ist eine Methode, für die man natürlich ziemlich große Wohnungen braucht.

Haben Sie ein Beispiel für einen Artikel, den Sie für das neue Programm ausgegraben haben?
Ein Beispiel ist die Geschichte mit Boxer Marco Huck, Zögling von Ulli Wegner. Der hat vor drei Jahren geheiratet. Damals ging durch die Presse, dass angeblich beide als Jungfrauen in die Ehe gehen. Dazu gab es ein Interview, wo die Frau fragt: Sind Sie aufgeregt? Und er sagt: Das ist das erste Mal, dass mir mein Trainer nicht helfen kann. Als ich das las, hatte ich sofort eine Szene von Ulli Wegner im Schlafzimmer vor Augen. So etwas passiert automatisch: Man liest irgendetwas, und wenn Gags darin schlummern, dann schürft man nach Comedy-Gold. Zum Beispiel stand vor einigen Wochen in der Bild, dass 26 Partnerinnen von Priestern beim Papst um eine Audienz gebeten haben. Wenn man darüber sinniert, fragt man sich: Wie viele Priester sind das denn - zwei oder nur einer?

Wo wir beim Thema Männer- und Frauenwitze wären - die bringen Sie immer noch zuhauf, und sie funktionieren wie vor 35 Jahren. Woran liegt das?
Es gibt nun mal kein interessanteres Thema als den Versuch der beiden Geschlechter, friedlich zu koexistieren - was ja dauernd schiefgeht. Da es so gut wie jeden betrifft, wenn man nicht gerade katholischer Priester oder Nonne wird, ist das ein todsicheres Thema.

Mario Barth als junger Comedian setzt auch stark auf Männer- und Frauenwitze. Hat der ein bisschen abgeguckt?
Die Leute vor mir haben das schon gemacht, und die Leute nach mir werden das auch machen. Es ist das Thema Nummer eins, da kann keiner sagen: Das besetze ich. Jeder Comedian spricht darüber, so wie jeder Roman- oder Drehbuchautor darüber schreibt.

Wenn Sie sich die jungen Comedians anschauen: Inwiefern hat sich Ihr Humor im Vergleich zum Humor aus der Zeit, in der Sie begonnen haben, verändert?
Der hat sich überhaupt nicht verändert. Die Zielgruppe, für die junge Comedians arbeiten, ist eine andere. Mario Barth hat ein Publikum, das nicht unbedingt zu ihm geht, weil es wissen will, was der Meister an unsterblichen Worten geschaffen hat. Sondern das ist ´ne Party. Das hat es früher, als ich anfing, nicht gegeben. Die Zuschauer können die Texte mitsprechen. Es ist eine andere Schiene als bei mir. Ich mache ein Programm für Erwachsene, das dazu gedacht ist, sich das anzuhören, den Gag zu begreifen und zu lachen - old school Comedy.

Werden Sie beim Auftritt in Ilsenburg auch in Old-School-Manier wieder Hawaii-Hemden tragen?
Ich habe wie in jedem Programm zwei bunte Hemden. Sie fragen auch keinen Metzger: Wirst du wieder eine blutige Schürze am Ende deines Arbeitstages haben? Es ist die Berufskleidung. Die Leute wären irritiert, wenn ich sie nicht anhätte.

Jürgen von der Lippe tritt am 25. Oktober in der Harzlandhalle Ilsenburg auf, am 21. und 22. Oktober ist er in Halle.