Stendal l "Wenn die Pflaumen uns eine reinsemmeln, dann mach´ ich die zur Mücke!" Die Mitglieder der Familie Capulet sind auf Krawall gebürstet, ihre Widersacher, die Montagues, nicht minder. Und so beginnt die Geschichte um die zwei verfeindeten Familien aus Veronas Oberschicht gleich mit verbalen Drohungen und einem handfesten Streit.

Zu häufig hat diese Fehde Tod und Verderben über Verona gebracht. Der Fürst der Stadt spricht ein Machtwort und droht den Streithähnen mit massiven Strafen. Deshalb toleriert der alte Capulet großzügig die Dreistigkeit einiger Montagues, die sich Zutritt auf sein Maskenfest verschafft haben. Er ahnt nicht, dass sich auf diesem Ball seine Tochter Julia und Romeo Montague unsterblich ineinander verlieben. Und dass diese Liebe letztlich die beiden Familien versöhnen wird. Allerdings erst am Grab der beiden Jugendlichen.

"Romeo und Julia" ist - modern gesagt - ein Teenager-Drama. Und so dürfen die Helden bei Regisseur David Lenard ein bisschen pubertär sein, himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt, ungeduldig und ungestüm. Michaela Maxi Schulz und Maik Rogge sind all das. Und sie sind rührend und anrührend, witzig und komisch. Sie sind sehr überzeugend.

Lenard hat sich für seine Inszenierung die Übersetzung von Frank Günther ausgesucht, der den Originaltext mit all seiner Poesie, seinen Wortspielen und Obszönitäten sehr geschickt in die heutige Zeit transportiert. Kostüme und Ausstattung (Mark Späth) sind modern, jedoch relativ zurückhaltend, so dass eine zeitlose Atmosphäre entsteht. Nur beim Maskenball wird ganz eindeutig ein Bezug zur Jetztzeit hergestellt. Hier erinnert alles an reiche, russische Oligarchen. So schlägt sich Frank Siebers als Capulet auf den entblößten, trainierten Bauch: "Na, wer hat die Macht?"

In der Stendaler Aufführung (musikalisch untermalt von Jakob Brenner) ist das Stück von Ballast befreit. Neben Kürzungen im Text gibt es auch weniger Charaktere und damit weniger Verwirrung. Die vier Darsteller spielen alles, sind lüstern und obszön, mitfühlend und höhnisch, aggressiv und witzig. Stark. Allen voran Andreas Müller als Mercutio.

Aus dem Fürsten von Verona und Paris, dem Freier Julias, lässt Lenard "Fürst Paris" (Merten Schroedter) werden. Das hingegen ist verwirrend. Diese Personalunion führt dazu, dass Romeo am Ende seinen Fürsten tötet. Außerdem: Wäre der Fürst als höchster Richter und Gesetzeshüter immer noch objektiv, wenn er ein Auge auf die schöne Tochter der Familie Capulet geworfen hat?

Ansonsten gibt es natürlich die Amme, eine der witzigen Figuren, die in keinem Shakespeare-Stück fehlen dürfen. Annett Siegmund beherrscht dieses Fach vorzüglich.

Die dynamische Inszenierung hält den Spannungsbogen bis zum Schluss. Einige Szenen wirken zunächst sehr albern. Zum Beispiel die Musikantenszene im vierten Akt. Doch wenn im Original zwar nicht Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer auftreten, so ist diese Szene auch dort äußerst clownesk, um das bittere Ende zu versüßen.

Ein Kritikpunkt ist die Verständlichkeit. Etliche Textpassagen gingen komplett unter, waren auch in vorderen Reihen nicht zu verstehen. Gleichwohl gab es reichlich Beifall vom Premierenpublikum.

Folge-Termine
: 3. Oktober, Großes Haus Stendal; 9. Oktober, Kulturhaus Salzwedel

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