Magdeburg l Der Raum hatte fast etwas Intimes. Dort, wo sonst Geldgeschäfte abgewickelt werden, zog für einen Abend Kultur ein. Wolfgang Kohlhaase saß mit Frank Salender auf dem Podium.

Zwanglos ging es zur Sache. Sehr persönlich, ohne auf die fast legendären Drehbücher des Berliner Autors einzugehen, gewährte das Gespräch Einblicke in dessen Gefühlswelt, seinen Arbeitsstil. Streifen wie "Solo Sunny", "Mama, ich lebe" oder "Der Aufenthalt" schwebten quasi unausgesprochen in der Luft.

Das neue Buch des "Königs der Dialoge" ist so etwas wie eine Reminiszenz. Er selbst hat die vielen Texte aus seiner Feder oder mit ihm geführte Interviews nicht zusammengetragen. Das übernahm der Filmwissenschaftler Günter Agde. "Ich habe diese Dinge nie gesammelt", räumte Kohlhaase ein. Einige der Schriften reichten weit zurück in die DDR. Die sei bekanntermaßen ein eher theoriefreundliches Land gewesen.

Nicht alle wollten die Meinung des anderen wissen

Doch nicht alle wollten Debatten begleiten, zuhören, die Meinungen des anderen tatsächlich wissen. Aus verschiedenen Anlässen habe er geschrieben, zur Lage der Welt, zu Leben und Tod, zu sich selbst. Alles wurde im "Urzustand" veröffentlich, ohne Veränderungen, Streichungen oder Hinzufügungen. Nur so taugten sie als Dokument. Das nun entstandene Buch versteht Kohlhaase als etwas zum Nachlesen von Dingen, die gerade interessieren. "Und irgendwo bin ich immer verborgen", räumt er mit einem Lächeln ein.

Es ist eine erstaunliche Gelassenheit, die den Autor prägt. Die Augen blitzen, wenn er vom Schreiben berichtet. Als Schüler habe er begonnen, sich mit Prosa zu beschäftigen. Doch der Kriminalroman aus den frühen Jugendjahren blieb unvollendet.

40 Seiten mit sechs Toten und zwei abgebrannten Häusern hatten nicht das Zeug zum Erfolgsroman. Ihm fehlte schlicht und einfach die Handlung. Da gab Kohlhaase auf, vergaß die Literatur keineswegs, las mit Genuss, das prägte. Das Schreiben von Drehbüchern wurde sein Metier. "Ohne den italienischen Neorealismus der Nachkriegsjahre wäre das kaum etwas geworden. Die Zeit faszinierte, ich machte mehrere Filme hintereinander. Das half, aus Fehlern zu lernen, den eigenen Stil zu finden", lautet die nüchterne Einschätzung des heute 83-Jährigen.

Man könnte ihn wohl einen Triebtäter nennen. "Film ist für mich eine Zauberwelt", sagte er. Das Drehbuch ist für ihn ein "endgültiges Zwischenprodukt, ein Mittelding zwischen Poesie und Gebrauchsanleitung". Nur wenn es gelingt, mit dem geschriebenen Wort Schauspieler, Regisseur und Kameramann in gute Positionen zu bringen, kann das Projekt gelingen, das beim Drehen trotzdem ständig neu erfunden werden muss, damit es lebt. Und das Theaterstück hat im Vergleich zum Drehbuch einen Nachteil: Es kann mehrmals ruiniert werden.

Film lebt unabdingbar vom Dialog

Der Film lebt unabdingbar vom Dialog, versicherte Kohlhaase. Im Entstehungsprozess geht es darum, was den einzelnen Figuren Freude macht, was hat Fantasie und der Spaß am Spiel zähle. Und keine noch so kleine Nebenrolle dürfe vernachlässigt werden, zog er ein Resümee aus seinen Erfahrungen.

Filme würden durch Nebenrollen entschieden, sonst fielen sie am Rand ab. "Jedem dieser Darsteller schuldet der Autor ein paar gute Sätze, damit er weiß, warum er überhaupt mitspielt."

Und Wolfgang Kohlhaase verriet noch ein kleines "Geheimnis": "Pausen sind wichtig, dort wo gesprochen wird, haben sie eine besondere Bedeutung, schaffen erst die richtige Atmosphäre, sind etwas Schönes."

Ruhestand scheint für den Autor ein Fremdwort zu sein. Gerade ist ein neuer Film nach einem Buch von ihm abgedreht worden. Im kommenden Jahr soll der Streifen nach dem Debütroman von Clemens Meyer "Als wir träumten" auf die Leinwand kommen. Andreas Dresen führte wiederholt die Regie bei einem Kohlhaase-Drehbuch, so wie bei "Sommer vorm Balkon" oder "Whisky mit Wodka".