Magdeburg l Clemens Meyer ist Jahrgang 1977, gehört also der Dritten Generation des Ostens Deutschlands an. Es sind die jungen Leute, in deren Ausweis die Geburtsjahre 1975 bis 1985 stehen, die in der DDR aufwuchsen, dort ihre Kindheit und Teile der Jugend verbrachten, um mit dem Zusammenbruch der DDR ein doppeltes Dilemma zu erleben. Da ist einerseits die ohnehin schwierige Identitätssuche in der Pubertät, die Spannung zwischen Autoritäten und Selbstbehauptung, die erste Liebe, Sexualität und die Lust, alles Althergebrachte zu zerstören. Auf der anderen Seite werden sie mit einem gesellschaftlichen Vakuum konfrontiert, in dem keiner der bekannten Werte und Normen noch Bestand hat.

Dieses Spannungsfeld ist der Hintergrund der Theaterfassung, in der unter der Regie von Alexandra Wilke die Estrellita und Katja, beide von Jenny Langner gespielt, sowie die fünf Jugendlichen Dani, Mark, Walter, Rico und Pitbull, in dieser Reihenfolge Konstantin Lindhorst, Konstantin Marsch, Ralph Opferkuch, Philipp Quest und Alexander von Säbel, körperlich alles geben, um dieses unbändige Gefühl überbordender Lebenskraft in diesem Alter zu verdeutlichen. Doch manchmal ist weniger mehr. So sehr jagen, schlagen, schreien, rennen und wälzen Chaos, Wut und Verzweiflung erlebbar machen, so sehr ermüdet dies als Dauerzustand.

Inszenierung folgt Romanvorlage zu unkritisch


Es ist ohnehin eine Frage, wie stark der pubertäre Zustand von Jugendlichen, in dem die Hormone verrückt spielen, in dem alles in Frage steht, von gesellschaftlichen Umbrüchen beeinflusst wird. Natürlich ist die plötzliche Freiheit, die unbekannte Fülle der Möglichkeiten eine besondere Herausforderung bei der Suche nach dem eigenen Lebensmodell.

Einzigartig ist das in der Menschheitsgeschichte allerdings nicht, so dass der Wert der literarischen Vorlage wohl vor allem darin besteht, dass bislang keiner aus eigener biografischer Sicht sich diesem Zeitabschnitt gewidmet hat. Dieser wird nicht gewertet, nicht aufgearbeitet, sondern beschrieben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Genau das spiegelt die Inszenierung wider. So reihen sich klischeehafte Begebenheiten in zeitlichen Sprüngen aneinander. Sex, Drogen, Gewalt, rechtsradikale "Glatzen", der Tod, die Pionier-Gruppenratsvorsitzende, die im Bordell landet, oder die wunderliche Alte, der die Jugendlichen (ziemlich unmotiviert) wie "Timur und sein Trupp" die Kohlen in die Wohnung schaffen. Die Alte ist eine der vielen Rollen als Viola, Lehrerin, Oma, Claudia oder die Blonde von Michaela Winterstein, die ebenso wie Oliver Chomik als Vater, Dieter, Ansager oder Fred beide eine enorme Verwandlungsfähigkeit unter Beweis stellen.

"Als wir träumten" ist eine bruchstückhafte Momentaufnahme eigenen Erlebens des Autors, das zwar realistisch, aber als höchst individuelle Reflexion weder typisch für eine Generation noch einzigartig für Pubertätszustände von Jugendlichen ist. Diese sogenannte Dritte Generation, die heute so um die 30 bis 35 Jahre alt ist, schickt sich an, die Schalthebel in Wirtschaft, Politik und Kultur zu erobern. Sie ist höchst angepasst und erfolgsorientiert. Keine Spur von der "Lost Generation", deren Bild in der Theaterfassung des Romans vermittelt wird.

Das ist keine Schwäche der Inszenierung, sondern der Romanvorlage. Der allerdings ist man bei der Aufführung im Schauspielhaus zu unkritisch gefolgt. Eine deutliche zeitliche Straffung des Zwei-Stunden-Stücks hätte der zeitweise verschütteten inneren Dramatik, wie beispielsweise in der Szene des Boxkampfes, den Rico mit sich selbst ausficht, gut getan.

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