Magdeburg l Schutzbrille, Ohrschützer, Kettensäge. Späne fliegen im Hof der Werkstatt. Cathleen Meier sägt in einen Holzklotz. Was da noch fast unbearbeitet vor ihr liegt, soll ein kleines Mädchen werden, sagt sie.

Was die Künstlerin aus Holzstämmen entstehen lassen kann, ist in ihrem Atelier zu sehen. Mannshohe Arbeiten, daneben Büsten, monumentale Gesichter aus Eiche. Axt und Beil waren grobes Werkzeug für Schädel, Augen, Nase, Mund. Sie gab ihren Männern Namen: Christian, Bernd, Alexander, Jürgen. Wer nicht verkauft wurde, schaut ihr im Atelier über die Schulter. Cathleen Meier hängt an diesen Arbeiten, sie streicht liebevoll über die Gesichter. Die blicken nicht starr, vielleicht etwas grummelig. Erstaunlich, wie der Bildhauerin Mimik mit Axt und Beil gelingt.

Dieses vielbevölkerte Atelier in einem unsanierten Haus in der Berliner Chaussee 101 ist seit drei Jahren Heimstatt der Magdeburger Künstlerin. Dort beleben auch einige ihrer Holzschnitte die beiden Räume.

Cathleen Meier liebt den Werkstoff Holz. Sie nennt ihn sensibel. Holz arbeitet, verändert sich. "Es ist vergänglich und nicht so aufwändig herzustellen wie Bronze", sagt die 44-Jährige. Doch ihr Name steht auch für Steinguss- und Bronzearbeiten. Der 1,90 Meter hohe Puppenspieler in der Wernigeröder Marktstraße gehört dazu, Fassadenfiguren an einem Kaufhausportal am Erfurter Anger, die Figur des alten Rathauses auf dem Hallenser Marktplatz.

Ein Holzschnitt zu Afghanistan

Aber für solche Plastiken braucht man nicht nur öffentliche Aufträge, die in letzter Zeit immer seltener wurden, sondern rein arbeitstechnisch gesehen auch einen langen Atem. Cathleen Meier, deren Vorname englisch ausgesprochen wird, ein Wunsch ihrer Eltern damals, will an dem arbeiten, was sie im Moment bewegt. Als die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann im Jahr 2010 feststellte "Nichts ist gut in Afghanistan", setzte sich die Bildhauerin hin, nahm ein Brett und schnitt Käßmanns Worte hinein und ein Kind, das einen Drachen fliegen lässt. Tränen kullern unter dem weiten Himmel. Die Arbeit ist aufrichtig, es ist ihre Meinung, ihr ehrlicher Blick auf unsere Welt. Sie hängt über dem breiten Sofa in der Werkstatt.

Politisches und Persönliches begegnet dem Betrachter immer wieder in den Meierschen Arbeiten. "Tiefer Fall" steht dafür oder das eindrucksvolle, in diesem Jahr entstandene neue Blatt "Ich bin viele Vögel". Vogelbauer an Vogelbauer, Tiere darin eingesperrt. Enge herrscht und trotzdem Einsamkeit. Freiheit gibt es nicht. Passend zum Wendejahr? Oder zum Ausbrechenwollen aus dem eigenen Leben? Cathleen Meier spiegelt sich immer selbst wider und setzt auf Denkanstöße, eine Interpretation will sie nicht vorgeben.

"Ich will immer viel erzählen"

"Ich will aber immer viel erzählen", sagt die 44-Jährige. Sie spricht von ihren Studienzeiten. An der Kunsthochschule Burg Giebichenstein lernte sie bei Professor Bernd Göbel. "Ich wollte thematisch so viel umsetzen." Sie brauchte die Form dazu. "An der Burg habe ich mir die Grundlagen erarbeitet, um mich ausdrücken zu können." Göbel war dafür wichtiger Lehrmeister. Ihr Handwerk ist geprägt von der Bildhauerschule der "Burg", die beim künstlerischen Nachwuchs auf das figürliche Gestalten setzte.

Meiers Diplomarbeit steht denn auch in dieser realistischen Tradition. Eine von ihr geschaffene 2,20 Meter große Betonfigur liegt in einer Einzelzelle im Bunker des ehemaligen Konzentrationslagers Lichtenburg Prettin, der heutigen Gedenkstätte. Meier wollte dieses Thema, diese Figur. Geschichte ist ihr wichtig, das Nichtvergessen ebenso.

1999 erhielt sie ein Stipendium des Landes Sachsen-Anhalt, eine Graduiertenförderung. Seit 2001 arbeitet sie freischaffend. 2004 kam ihr Sohn zur Welt. Die Stadt Magdeburg unterstützte die Künstlerin mit einem Atelier in den Tessenowgaragen. Sie erhielt mehrere Preise, nahm an Bilhauersymposien teil, an Ausstellungen. Meier ist produktiv. Sie will ihre Gedanken verewigen. Ihre Kunst mal wieder in Berlin präsentieren zu können, ist ihr Wunsch.

Cathleen Meier geht wieder raus in den nebligen Tag, setzt sich die Schutzbrille auf. Sie arbeitet an ihrem Mädchen weiter.

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