Volksstimme: Herr Stumph, was sagen Sie dazu, dass Ihr Film "Blindgänger" durch die Pegida-Bewegung eine besondere Aktualität bekommen hat?
Wolfgang Stumph: Als wir den Stoff entwickelt haben, haben wir zwar schon gespürt, dass die Frage nach dem richtigen Umgang mit Flüchtlingen ein Problem in der Gesellschaft ist. Dass unser Film aber eine so starke Aktualität bekommen hat, stimmt mich traurig. Wir haben eine Pflicht, in Not geratenen Menschen jedweder Religion oder Nationalität zu helfen. Uns gehören dieses Deutschland und Europa nicht allein. Auf dieser Welt sind wir nur Gäste.

Sie sind 1946 in Schlesien geboren, Ihre Familie floh nach Kriegsende nach Dresden. Ist die Flüchtlingsthematik für Sie wegen Ihrer eigenen Vergangenheit besonders relevant?
Nein, das Thema liegt mir deswegen besonders am Herzen, weil ich als ein politisch denkender Künstler sensibel für die Fragen unserer Zeit bin. Und da frage ich mich eben: Wie solidarisch sind wir heute noch? Wie verhalten wir uns gegenüber dem Fremden? Das kann einer sein, der eine andere Religion hat, eine andere Hautfarbe, eine andere Nation - das kann aber auch ein Nachbar in einer Notlage sein. Und in den Filmen, in denen ich eine "St"-Figur spiele, wie früher der Stubbe oder in "Blindgänger" Conny Stein, spielt meine persönliche Moral mit.

Im Film spielen Sie einen pensionierten Bombenentschärfer, der ein tschetschenisches Mädchen vor den Behörden versteckt. Im wahren Leben denken Politiker gerade darüber nach, wie man Asylverfahren abkürzen und Flüchtlinge schneller abschieben kann ...
Ich kann nur sagen: Meine Haltung zu dieser Thematik steckt in diesem Film. Wenn man merkt, dass bürokratische Regeln inhuman sind, dann muss man etwas tun. Man muss Zivilcourage haben, aus seiner Nische herauskommen. Wie verhältst du dich, wenn du Unrecht spürst? Jeder muss sich sagen: Auf dich kommt es an. Aber in dem Film stecken ja noch andere Themen. Etwa die Frage, wie ich damit umgehe, wenn ich in den Ruhestand geschoben werde, wenn ich einfach nicht mehr gebraucht werde. Auch in meiner Branche passiert es, dass man nicht mehr gebraucht wird, und dies nicht erst ab dem Rentenalter.

Für Sie persönlich ist das ja aber kein Thema: Sie werden demnächst 69 und arbeiten munter weiter ...
Wenn man wie ich ein Menschendarsteller ist und nicht bloß ein handwerklich ordentlicher Schauspieler sein will, dann muss man die Menschen und ihre Probleme kennen. Dann muss man ins Kaufhaus gehen, mit der S-Bahn fahren, neugierig auf Menschen sein. Ich kenne ja nicht nur andere Künstler, sondern habe in meinem Freundeskreis auch Menschen, die nicht wie ich das Glück haben, unabhängig vom Alter arbeiten zu können. Leute, die vielleicht Werkzeugmacher sind und schon mit 61 in Ruhestand gehen mussten, oder die ihre Arbeit verloren haben. "60 ist das neue 50", wird propagiert. Richtig: Wenn man noch arbeiten kann und Arbeit hat, kommt Freude auf.

Vermissen Sie Ihre Kultfigur Kommissar Stubbe, den Sie voriges Jahr in Rente geschickt haben?
Ich habe ihn lieb gewonnen und vermisse ihn schon ein wenig. Außerdem tut es mir natürlich leid wegen der Arbeitsplätze, die an der Reihe hingen. Aber ich dachte mir eben: Ich höre auf, wenn es am schönsten ist, und nutze den Vertrauensbonus, den ich bei den Zuschauern habe, für weitere Einzelprojekte. Das reizt mich jetzt mehr.

2015 jährt sich die Wiedervereinigung zum 25. Mal. Planen Sie auch ein spezielles Projekt zu diesem Thema? 1991 haben Sie ja in "Go Trabi Go" mitgespielt, einem der ersten Filme über die Wende.
Mein Wunsch war es, einen dritten Teil von "Go Trabi Go" zu entwickeln, der zeigen würde, wie es den Figuren 25 Jahre später geht. Ich konnte die Zuständigen aber leider nicht für dieses Thema anzünden, obwohl das ein toller Beitrag zu dem Jubiläum gewesen wäre.

Sind Sie wehmütig, wenn Sie an die Euphorie der Wendezeit 1989 und 1990 zurückdenken?
Nein, das würde ich nicht so sagen. Als Kabarettist ist man ja kritisch und hinterfragt alles eher, als sofort Heureka zu rufen. Ich war damals zwar nicht unbedingt misstrauisch den versprochenen blühenden Landschaften gegenüber, aber ich habe die Situation ein bisschen realistischer gesehen - und ich glaube auch nicht allzu falsch. Also ich bin nicht wehmütig, ich bin eher der Meinung, wir befinden uns 2015 insgesamt in einer sensiblen Zeit des Zusammenwachsens. Übrigens nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und global. Wir leben in einer komplizierten Zeit, aber ich bin ja ein melancholischer Optimist. Und deshalb glaube ich: Alles ist lösbar.