Die Welt der Märchen
Knapp 4000 Artikel von über 850 Autoren auf 10.000 Seiten - das sind die 14 Bände der jetzt fertiggestellten "Enzyklopädie des Märchens". In dem alphabetisch geordneten Nachschlagewerk sind schriftliche und mündliche Erzähltraditionen aus unterschiedlichen Kulturen zusammengefasst. Unter "A" geht es zum Beispiel um "Abwehrzauber", die geschundene "Alte" und "Aufgaben" des Königs.

Göttingen führt eine Traditionfort. Die Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm lebten von 1829 bis 1837 in der Universitätsstadt. Ende 1812 war die Erstausgabe ihrer "Kinder- und Hausmärchen" erschienen.

Seit den 1970er Jahren arbeiten Göttinger Literaturwissenschaftler an einer "Enzyklopädie des Märchens". Jetzt wurde die Arbeit fertiggestellt. Im Interview berichtet Mitherausgeber Hans-Jörg Uther über eine Renaissance von Schneewittchen und Rotkäppchen.

Frage: Sie haben in einem Team von Wissenschaftlern riesige Mengen an Informationen über Märchen zusammengetragen. Fühlen Sie sich als Erben der Brüder Grimm?

Hans-Jörg Uther: Das würde ich niemals für mich in Anspruch nehmen. Allerdings haben die Brüder Grimm in ihren wenig beachteten Kommentarbüchern zu ihren Märchen Vergleiche angestellt. Sie haben die vergleichende Erzählforschung begründet. Deshalb sind wir im weitesten Sinne auch die Nachfolger der Brüder Grimm.

Welches Märchen ist in allen Kulturen bekannt?
Das ist die Mythe vom Drachentöter. Der Held bezwingt die feindliche Umwelt, die durch den Drachen symbolisiert wird. Der Drachen ist in den meisten Teilen der Welt negativ besetzt, ein Ungeheuer, nur in Asien nicht. Das Märchen der Brüder Grimm mit einem Drachentöter heißt "Die zwei Brüder". Es ist ihr längstes Märchen, aber wegen der Länge nicht besonders populär. In der Beliebtheits-Skala stehen seit langem "Schneewittchen", "Hänsel und Gretel" und "Rotkäppchen" ganz oben.

Gibt es typisch deutsche Märchen?
Man kann in der Regel nicht genau sagen, woher das Erzählgut kommt. Klassische Märchenländer sind Frankreich und Italien. Wilhelm Grimm hat eigene Märchen geschaffen, zum Beispiel "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" oder auch "Sterntaler". Der Dichter Johann Heinrich Jung-Stilling schrieb im 18. Jahrhundert "Jorinde und Joringel". Es ist ein Irrglauben, dass Märchen immer auf jahrhundertealten mündlichen Überlieferungen beruhen.

Die Handlungen strotzen vor Gewalt. Warum sollten Eltern Kindern dennoch Märchen vorlesen?
Die Grausamkeit gibt es de facto, aber sie spielt immer die Rolle der ausgleichenden Gerechtigkeit. Menschen, die Böses getan haben, werden dafür bestraft. Einige Märchen wurden auch abgemildert. Da werden den Stiefschwestern von Aschenputtel nicht mehr die Füße abgehackt. Die Stiefmütter sind nur bei den Brüdern Grimm so häufig negativ dargestellt. Das hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass in der Erbfolge die Kinder des Vaters aus der ersten Ehe immer vorgezogen werden.

Gibt es eine neue Wertschätzung für Märchen?
In den 1970er Jahren gab es viel Kritik, zum Beispiel an dem antiquierten Bild der Frau. Das ist zum Teil sicherlich richtig gewesen, aber vieles wurde damals ausgeblendet. Märchen haben heute ein so hohes Ansehen wie lange nicht. Das liegt auch an den schönen neuen Verfilmungen, die die ganze Szenerie originalgetreu umsetzen.