Paris (dpa) l Chagall-Ausstellungen erreichen Rekordbesucherzahlen. Auch die in Brüssel hat gute Aussichten, in die Top-Liste der Blockbuster-Werkschauen zu kommen. Nur wenige Tage nach ihrer Eröffnung Ende Februar wird die Retrospektive in den Königlichen Museen der Schönen Künste bereits als Publikumserfolg gefeiert.

Warum die Besucher stundenlang Schlange stehen, um den Bilderkosmos des vor 30 Jahren am 28. März 1985 verstorbenen Künstlers zu sehen? Weil er die Menschen zum Träumen bringt, wie Chagall-Experte Jean-Louis Prat in einem Gespräch der Deutschen Presse-Agentur in Paris sagte. Der Künstler starb im biblischen Alter von 97 Jahren.

Chagall und das Surreale

"Chagall hat zeitlebens an die Schönheit des Lebens geglaubt. Er hat eine traumhafte und poetische Bilderwelt geschaffen, an der er den Betrachter teilnehmen lassen will", erklärte der Kunsthistoriker. Prat ist Mitglied des Chagall-Comités in Paris.

Marc Chagall habe zwei Weltkriege erlebt und eine Revolution. Dennoch war er ein Maler, der das Leben liebte und feierte, erklärte der Ex-Direktor der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence. Chagall hat in dem südfranzösischen Dorf bei Nizza die letzten 20 Jahre seines Lebens verbracht. Dort auf dem Friedhof ist der Maler, der zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt, auch begraben - unter einer schlichten Steinplatte.

Liebespaare und Geiger, die durch die Luft fliegen, Blumen, Hähne, Kühe, Motive aus der Bibel und dem Zirkus: Chagalls Bilderkosmos weist ins Surreale und gleicht einer kindlichen Welt voller Wunder und Farben. Doch hinter den dörflichen Szenen versteckt sich seine Sehnsucht nach seiner ursprünglichen Heimat. "Damals hatte ich erkannt, dass ich nach Paris gehen musste. Die Erde, die die Wurzeln meiner Kunst genährt hatte, war Witebsk; aber meine Kunst brauchte Paris so nötig wie ein Baum das Wasser", erklärte Chagall.

Neue Blüte der Glasmalerei mit Chagall

In Paris ließ er sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Fauvismus, Kubismus oder Expressionismus inspirieren. Daraus nahm er einzelne Elemente in seine Bildersprache auf und entwickelte daraus sein eigenes poetisches Universum, dem er konsequent treu geblieben ist. Chagalls Welt sei vielseitig und nehme den Betrachter auf eine Reise durch eine Traumwelt mit, wie Prat meinte. Als "Dichter" wurde er damals auch von seinen Malerkollegen in Paris bezeichnet.

Chagall wanderte 1941 in die USA aus. Dort malte er eine Reihe von Bildern, auf denen er Zerstörung und Schrecken darstellt, darunter auch das Gemälde "Die Kreuzigung in Gelb". Männer und Frauen fliehen vor dem Tod. In der Mitte der gekreuzigte Christus als Ausdruck menschlichen Leidens. In das Untergangs-Szenario setzt Chagall jedoch ein Zeichen der Hoffnung. Er malt neben das Kruzifix eine Thorarolle als Symbol für jüdisch-christliche Verbundenheit und Völkerverständigung.

1948 kehrte Chagall nach Frankreich zurück, wo er sich anderen Bildträgern widmete. Er schuf Entwürfe für Mosaike, Kirchenfenster und Tapisserien. Vor allem die Glasmalerei führte er mit seinen meditativen Blautönen zu neuer Blüte. Beispiele dafür finden sich in den Kathedralen in Metz, Reims und in der Fraumünsterkirche in Zürich, die den Meister mit Gedenkkonzerten würdigt. Chagall entdeckte die Glasmalerei erst im Alter von 70 Jahren. "Für mich stellt ein Kirchenfenster die durchsichtige Trennwand zwischen meinem Herzen und dem Herz der Welt dar", wie er sagte. Chagall, der Maler, der das Leben feiert.