Ich interessiere mich für Autokennzeichen. Übertrieben gesagt, ich liebe die Nummernschilder. Und mit den Jahren habe ich mich zu einer Art Experten entwickelt. Überholt mich ein Auto oder fährt vor mir her, fällt mein Blick sofort auf das Nummernschild. Und gleich weiß ich, aus welcher Stadt oder welchem Landkreis das Fahrzeug stammt. Da ich manchmal mit meinem Spezialwissen etwas groß tue, stellt mich meine Familie gern auf die Probe. Den Autoatlas auf den Knien legen, sie los. Nichts Schöneres für sie, als wenn der Experte mal daneben liegt. Wenn er vergessen hat, dass Landau in der Pfalz und Dahme - Spreewald-Kreis - nicht ein und dasselbe sind. Wobei der Unterschied zwischen LD und LDS ja deutlich ist.

Inzwischen weiß ich mehr über Nummernschilder und bin mir klar, dass ein Autokennzeichen ein sichtbares Mittel der deutschen Teilung gewesen ist. Die ja zum Glück durch Angleichung Ost an West auch auf diesem Gebiet nun überwunden ist. Während sich im Westen die Initialen weitgehend an den Namen der Städte und Landkreise orientierten, gab es in der DDR ein anderes System. Von Norden nach Südosten ging es bezirksweise von A bis Z. Von Rostock A über Magdeburg H bis Cottbus Z.

Was den Leuten im Osten wie mir nicht besonders wichtig war. Und hätte ich mich nicht vor der Wende mit dem Trabant in der Bremer Gegend aufgehalten, wären Nummernschilder vielleicht bis heute kein Thema für mich.

So aber stand mein Auto auf dem Parkplatz einer Berufsschule, wo ich eine Buchlesung machte, zwischen all den Schlitten ein wenig verhutzelt und kümmerlich, wie ich meinte. Im Unterschied zu einer Gruppe ausgelassener Schüler, in deren Augen mein Wagen die Entdeckung ihres Lebens gewesen ist. Sie umkreisten ihn zuerst ehrfürchtig, um dann mit der flachen Hand auf das Dach zu klopfen, wie man einem Kumpel auf die Schulter schlägt. Und einen interessierte die Herkunft, die er am Nummernschild meinte ablesen zu können. "Halle Neustadt! Halle Neustadt!", rief er seinen Freunden zu, was ihm bei meinem Magdeburger H in Kombination mit einem N logisch erschien. Warum ich mich fernhielt und nicht zu meinem Autochen stand, leuchtet mir heute nicht mehr ein.

Inzwischen bin ich jedenfalls ein Experte für Nummernschilder und entwickle mich sogar noch.

Ich sammle Erfahrung darin, an den Kennzeichen Verhaltensmuster zu entdecken und auf den Charakter des Fahrers zu schließen. Und ich plane, das bald mal in geeigneter Form zu dokumentieren. Eine spezielle Landkarte schwebt mir vor, die farbig abgestuft entsprechende Aussagen macht. Wo wohnen die besonders Aggressiven? Wo sind die Höflichen und Geduldigen zu Hause? Ist der Übergang von einer Region zur anderen allmählich oder abrupt?

Dass ich nicht der Einzige mit diesem Hobby bin, merkte ich spätestens auf einem Parkplatz, der im tiefen Westen lag. Dort bin ich haarscharf an einem Unfall vorbeigeschrammt. Einer nahm mir die Vorfahrt, obwohl meine Fahrbahn mehr als gut einzusehen war. Meinen Protest beantwortete der Widersacher mit einem Blick auf mein Nummernschild.

"Aha", sagte er, "Sachsen-Anhalt! Wenigstens Vorfahrt, wenn ihr schon sonst nichts habt."

Manchmal könnte man meinen, das mit der deutschen Einheit war doch nicht eine so gute Idee. Jedenfalls nicht, was die Angleichung der Nummernschilder betraf.

Martin Meißner ist Schriftsteller in Sachsen-Anhalt