So heißt es in der Türkei. Die Zunge ist locker, will der Türke sagen. Man kann sie biegen. Der Mensch vermag seine Meinung schnell zu ändern. Setzt seine Worte zum eigenen Nutzen ein. Redet heute so und morgen ganz anders.

Auch Taten lassen sich verschleiern, vertuschen und später erscheinen sie im neuen Licht. Dass auch üble Nachrede gemeint ist oder einfach Klatsch im Treppenhaus und über den Gartenzaun, bietet sich an. Auch, dass die Zunge ständig in Bewegung ist. Niemals ruht und vieles gesagt wird, das ungesagt enorm an Wert gewänne. Und wenn es denn einmal raus ist, fängt man es nicht wieder ein. Hätte er sich doch lieber auf die Zunge gebissen, heißt es dann.

Natürlich ist bei dieser Betrachtung immer die Zunge der anderen gemeint.

Aber wie steht es, wenn es um einen selber geht? Traut man immer der eigenen Zunge über den Weg? Oder sieht man sie mitunter und vielleicht zunehmend als ein untaugliches unkontrollierbares Werkzeug an?

Beobachten kann man das. Wenn einer zum Beispiel sagt, dass er telefoniert hat oder es will.

Dann sind ihm Worte nicht genug. Dann unterstützt er seine Rede noch mit der Hand. Als reichte es zu sagen nicht aus, einen Gedanken auf den Gesprächspartner zu übertragen. Man macht sehr unbeholfen eine Art Faust, nimmt aber den kleinen Finger und den Daumen nicht mit an. Spreizt sie ab und hoch.

Und als reichte das nicht, führt man diese deformierte Faust noch in Richtung Ohr. Damit auch dem letzten Gesprächspartner klar ist, dass von Telefonieren die Rede ist. Dass einfache Gemüter zu diesem Hilfsmittel greifen, geht ja noch an. Aber immer mehr sieht man diese Geste im Fernsehen und auch bei Leuten, bei denen es nicht gern gesehen ist.

Jedem fallen weitere Beispiele sprachbegleitender Handbewegungen oder das Mittun anderer Körperteile ein. Obwohl selten etwas so komisch aussieht wie diese Geste, die auf das Telefonieren verweist.

Viel logischer eigentlich sind ja Bewegungen, die die Sprache nicht begleiten, sondern sie ersetzen. Was bei großem Lärm nötig erscheint oder wenn die Gesprächspartner durch eine Scheibe hörtechnisch voneinander getrennt sind.

Fußballtrainer haben im Lärmen und Getöse der vollen Zuschauerränge aus der Not ein ganzes Areal von Bewegungen entwickelt. Wobei man staunt, wie ein entfernt stehender Spieler diese optischen Anweisungen überhaupt richtig sehen kann. Ganz zu schweigen, sie zu deuten, wenn er gleichzeitig rennt und außer dem Trainer noch Ball und Gegner im Auge haben muss. Dabei stelle ich fest, dass die Gesten der Trainer immer mehr an Bedeutung gewinnen. Und die Fernsehkamera fängt verstärkter die hampelnden und grimassenschneidenden Trainer ein als das Fußballspiel an sich.

Dass Handbewegungen auch in anderen Lebensbereichen zunehmen, kann man im Straßenverkehr beobachten. Dabei ist die Frage, ob ein Tippen an die Schläfe oder das Hin und Her der flachen Hand vor der Stirn nicht einem unzimperlichen groben Spruch vorzuziehen ist.

Die Tatsache bedenkend, dass die Zuge keinen Knochen hat.

Martin Meißner in Schriftsteller in Sachsen-Anhalt.

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