Bach (in Köthen), Händel (in Halle), Telemann (in Magdeburg), das sind drei Leuchttürme im "Musikland Sachsen-Anhalt". Doch über das Dreigestirn hinaus sind es weit mehr als tausend Komponisten, die die beispiellos dichte Kulturlandschaft Mitteldeutschlands entscheidend mitgestaltet haben. (Noch) "Unerhörtes" aufzuspüren und aufzuführen, ist Ziel der "Straße der Musik", die Ende Juni mit einem ersten länderübergreifenden Festival an die Öffentlichkeit tritt.

Von Caroline Vongries

Magdeburg/Halle. Sicher: Johann Friedrich Reichardt ist als Komponist nicht gänzlich in Vergessenheit geraten, zumal nicht in Halle. Doch dass der wegen seiner Sympathien für die französische Revolution in Ungnade gefallene königlich-preußische Hofkapellmeister neben den Goethevertonungen auch ein Violinkonzert verfasst hat, ist weniger bekannt.

Christian Hunger, Cellist der Staatskapelle Halle, hat die Noten wieder ausgegraben und ihnen weitere heutzutage kaum gespielte Werke zur Seite gestellt. Zu erleben beim Festival "Unerhörtes Mitteldeutschland", das vom 27. Juni bis 3. Juli mit 14 Konzerten an 13 historischen Orten in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen Premiere hat. "Nirgendwo sonst auf der Welt sind so viele Komponisten, Musikerpersönlichkeiten und Instrumentenbauer beheimatet wie in Mitteldeutschland", erklärt Daniel Schad die Beweggründe für die von ihm gestartete Initiative "Straße der Musik", die manche Noten, die noch auf den Dachböden ihr Dasein fristen, endlich (wieder) auf die Bühne bringen will.

Der in Basel geborene Musiker ist seit 1994 als Geiger im Philharmonischen Orchester Halle engagiert, mittlerweile bei der Staatskapelle. Neben der Liebe als Musiker zu den hiesigen Komponisten sieht der im Zweitberuf studierte Kulturmanager das Potenzial der Region trotz Händelfestspielen, Bach- oder Telemanntagen längst noch nicht ausgeschöpft. Das Wirken der weltweit bekannten, hier aufgewachsenen Persönlichkeiten des Kulturlebens wie Heinrich Schütz, Martin Luther, Johann Sebastian Bach, August Hermann Francke und andere sei ohne den "musikalischen Nährboden", den auch heute fast unbekannte Kulturschaffende gebildet hätten, kaum denkbar, so Schad. In der Tat haben Schad und seine Mitstreiter, darunter die Hallenser Musikwissenschaftlerin Karin Zauft, auf der Homepage des Vereins bis heute mehr als 1200 Komponisten an 274 Schauplätzen verzeichnet. Selbst die Initiatoren waren überrascht, hatten sie doch mit maximal 500 gerechnet.

Viele Stücke seien dabei zu Unrecht vergessen. Ein prominentes Beispiel dafür ist übrigens Johann Sebastian Bach selbst: Zu Lebzeiten waren die Kompositionen des Barockmeisters nur einem kleinen Kreis von Musikkennern geläufig, nach seinem Tod 80 Jahre vollends vergessen. Erst Mendelssohn-Bartholdy hat Bachs Werk wiederentdeckt. Deshalb begreift sich die Straße der Musik auch nicht als Konkurrenz zu bereits bestehenden Festivals, im Gegenteil.

Das aufzuarbeiten, ist mehr als eine Lebensaufgabe

Mit Christian Gottlieb Müller, Carl Gottlieb Reissiger, Heinrich XXIV. Prinz Reuss, allesamt Komponisten des 19. Jahrhunderts, eröffnet das Hallensia Quartett das Festival im Rahmen des Schumann-Festes Zwickau (27. Juni) und tritt mit demselben Programm auch in Bad Lauchstädt (29. Juni) auf. Besonders interessant dürften auch die Vertonungen der Fabeln Christian Fürchtegott Gellerts sein (2. Juli): "...und alles will den grünen Esel sehen". In Coswig, Teutschenthal, Schochwitz und Sondershausen werden unbekannte Komponisten auch mit ihren bekannteren Kollegen Bach, Schumann, Reger und Pachelbel kombiniert. Dank Sponsoring können einige Konzerte durch CD-Mitschnitte dokumentiert werden, freut sich Daniel Schad.

Neben der Musik begeistern ihn auch die vielen Hintergründe: Reuss zum Beispiel war ein großer Brahms-Verehrer und wurde umgekehrt von diesem hochgeschätzt. Reissiger hatte denselben Lehrer wie Beethoven: Antonio Salieri, und trat als Hofkapellmeister in Dresden in die Fußstapfen Carl Maria von Webers. Er schrieb neben Orchester- und Kammermusik 13 Messen, neun Opern und ein Oratorium. Der Weber-Schüler Müller schließlich unterrichtete nicht nur Richard Wagner, sondern schuf mit seinem Concertino für Bassposaune und Orchester ein Werk, das sogar noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts als eines der besten der Hochromantik galt.

Neben den Archiven der beteiligten Museen und Vereine (zum Beispiel Schumann-Haus Zwickau, Mendelssohn-Haus Leipzig, die Telemann-Gesellschaft in Magdeburg oder die Fasch-Gesellschaft in Zerbst) sind es auch Familienangehörige, die dem Verein ihr Material zur Verfügung stellen, so im Fall des in Bernburg (Salzlandkreis) geborenen und vor dem Mauerfall ausgewanderten Musikers Walter Knape. Zu den lange Zeit vergessenen Komponisten gehört auch der in Köthen geborene jüdische Musiker Alfred Tokayer, der trotz Flucht nach Frankreich von den Nationalsozialisten ermordet wurde. All das aufzuarbeiten, sei sicher "mehr als eine Lebensaufgabe", räumt Daniel Schad ein. Er selbst hat eigene biografische Anknüpfungspunkte: Sein Großvater Philip wirkte in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts als Repetitor in Dessau.

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