Es ist kaum zu glauben, aber es gibt mehr als eine bedeutende Oper des gängigen Repertoires, die in Magdeburg noch nie zu sehen war. Nach "Werther" von Massenet können Opernfreunde jetzt auf die 1835 in Neapel uraufgeführte Oper Gaetano Donizettis "Lucia di Lammermoor" gespannt sein. Das Libretto entstand nach einem Roman von Walter Scott. Das Werk gilt als einer der Höhepunkte in der Epoche des Belcanto.

Von Gisela Begrich

Magdeburg. Die Inszenierung ist im wahrsten Sinne des Wortes Chefsache: Generalintendantin Karen Stone führt Regie. Musikalisch verantwortet Generalmusikdirektor Kimbo Ishii-Eto den Abend. "Dass wir das terminlich hingekriegt haben, ist mehr als Glück", freut sich Karen Stone.

Von der Arbeit schwärmt sie: "Ich genieße die Proben. Darum geht es doch, um die Bühne. In der Arbeit für die Bühne sieht man ein Haus von seiner wichtigsten Seite. Und – ich liebe diese Oper. Der Gesang erreicht Höhenflüge, die sonst nicht denkbar sind, und es gibt einen dramatischen Ablauf von Szenen, der schauspielerische Qualitäten verlangt. Es macht einfach Spaß die zu inszenieren."

Kimbo Ishii-Eto zeigt sich nicht weniger begeistert: "Die unglücklichsten, grausamsten, traurigsten und groteskesten Szenen der italienischen Belcanto-Opern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden oft in Dur-Tonarten und mit friedlichen, süßen Melodien geschrieben. Das macht das Drama noch unheimlicher, geradezu gruselig – ein wirklich paradoxer Effekt.

Außerdem müssen Musiker und Dirigent immer bereit sein, auf spontane rubati der Sänger zu reagieren – Temposchwankungen, die aus der psychologisch glaubwürdigen, lebendigen Gestaltung des Augenblicks resultieren. Das gleicht manchmal der Situation des Torhüters beim Elfmeter."

Erzählt wird die Geschichte einer Zwangsheirat, die mit einer Bluttat und der geistigen Umnachtung der Titelheldin endet. Die wirkungsvolle Wahnsinnsarie der Lucia zählt man zu den Höhepunkten des italienischen Opernschaffens.

Eine der Besonderheiten, die die Partie der Lucia so schwierig, aber auch so grandios macht, ist die gigantische Kadenz (eine Art tradierte Improvisation innerhalb der Arie), die, so der GMD, "zu dem Erstaunlichsten gehört, was die Oper zu bieten hat.

Intendantin will keinen Schocker inszenieren

Alle Versionen dieser Kadenz werden von der Solo-Flöte begleitet, was die absolute Freiheit der Primadonna natürlich einschränkt – eine genaue Entsprechung zum Drama! Selbst der Dirigent kann nicht eingreifen – atemberaubend!"

Die Namensliste jener Sängerinnen, die in Donizettis Oper brillierten, liest sich wie ein "Who is who" der weiblichen Opernstars der Welt quer durch die Jahrzehnte: Maria Callas, Anna Moffo, Joan Sutherland, Anna Netrebko.

Regisseurin Stone kommentiert das selbstbewusst und überzeugt: "Wir haben Hale Soner. Lucia ist eine Paraderolle für eine Koloratursopranistin. Sie erfordert eine sehr bewegliche, hohe Stimme. Hale Soner kann das. Magdeburg kann sich freuen, eine solche Sängerin zu haben."

Die Aktualität des Themas liegt auf der Hand, aber Karen Stone zielt keinesfalls auf eine platte Analogie. "Wir bleiben assoziativ in der Zeit Donizettis, also im 19. Jahrhundert. Das Publikum ist intelligent genug, zu verstehen."

Und obwohl Vergewaltigung und Mord in dieser Oper eine wichtige Rolle spielen, will Frau Stone auch keinen Schocker aus "Lucia di Lammermoor" machen. "Es kommt auf den Rahmen an. Die Darstellung muss szenisch im Kontext der Musik bleiben. Es ist Belcanto von Donizetti", sagt sie. Am 26. März um 19.30 Uhr hebt sich im Opernhaus der Vorhang für die Magdeburger Erstaufführung.