Seit mehreren Wochen wohnte Harald bei mir, weil seine Heizung kaputt war. Das ständige Zusammensein mit meinem Freund hatte mir einen Blick beschert, um den Klaus Kinski mich beneidet hätte. Kaum ein Tag war vergangen, an dem Margot Hellwig, die Wildecker Herzbuben oder irgendwelche Südtiroler Kirschkernspucker meine Gehörgänge nicht in Schutt und Asche gesungen hatten. Harald hatte sich auf dem Fischmarkt für zehn Euro 20 Volksmusik-CDs gekauft.

Heute wollte ich Schluss machen – Pink Floyd, der Hardrock und mein Seelenfrieden sollten wieder Einzug halten, das Gästezimmer befreit werden. Bei einem freundschaftlichen Gespräch wollte ich Haralds Exodus in die Wege leiten. Um jedes Restrisiko auszuschließen, hatte ich eine Flasche Absinth besorgt und ein neues Zylinderschloss.

Als ich nach getaner Arbeit nach Hause kam, schlich ich ins Wohnzimmer und wurde von romantischer Klaviermusik überflutet. Ein Dutzend Duftkerzen ließ Assoziationen an einen Feenwald aufkommen. Aus der Küche drang Haralds Gesang, ungläubig vernahm ich die Liedzeile "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste …", dann ging die Tür auf und Harald begrüßte mich auf eine Angst einflößende Weise: "Da ist ja mein Gebieter, der Stern meines Lebens, der Wegweiser auf meinen dunklen Pfaden." Dann stellte er Rotwein und Gläser auf den Tisch. Weil mir nicht nur die richtigen, sondern alle Worte fehlten, ließ ich mich widerspruchslos in meinen Fernsehsessel drücken.

"Mir ist klar geworden", begann Harald seine Rede, "dass wir beide füreinander geschaffen sind und dass Frauen nur störende Meteorite in unserer kosmischen Harmonie wären. Haben wir uns je darüber gestritten, welches Badesalz wir nehmen, wann wir eine vegetarische Woche einschieben oder ob es Zeit für eine Gurkenmaske ist? Haben wir nicht! Und weißt du auch warum – weil nur ein Mann wissen kann, was ein Mann braucht. Frauen müssen danach fragen und das tun sie auch nur, um das Gehörte zielstrebig ignorieren zu können. Wenn sich aber zwei frohgemute Gesellen wie wir ein bisschen Mühe geben, kann für uns der Himmel praktisch täglich voller Klaviere hängen.

Denk doch nur an die abendlichen Erquicklichkeiten – wir könnten uns in geistvollen Gesprächen ergehen, über Marianne und Michael oder Marx und Mozart. Wir könnten den Kapitalismus kritisieren oder über die Nachbarn herziehen. Und dabei könnte ich so viel von dir lernen – wie man Eier kocht und welche Waschprogramme es gibt. Ich könnte der Putzerfisch sein, der deine Rückenflosse krault. Wäre es nicht einfach wunderbar, so frauenlos zu sein?"

Als Harald eine Pause machte, um Wein einzuschenken, fühlte ich mich wie John McClane in "Stirb langsam": Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort – und das in meinem eigenen Haus. Mein Einwand, dass ich im weiblichen Geschlecht im Gegensatz zu ihm durchaus eine Bereicherung sehen würde, quittierte Harald mit einem geradezu unverschämt breit wirkenden Grinsen und der Frage: "Wozu gibt es Kopfhörer?"

Der Wein, meine Kraftlosigkeit und Haralds Leidenschaft ließen mich den Weg des geringsten Widerstandes gehen: Nach dem Motto aussitzen und Wein trinken verschob ich den Exodus auf unbestimmte Zeit.

Als ich mich später beim Zähneputzen im Spiegel betrachtete, bekam ich eine Gänsehaut – Kinski lächelte.