In einer stürmischen Nacht wird Heathcliff von Erinnerungen überwältigt. Durch die Vision eines Bildes seiner verstorbenen geliebten Cathy wird er in die Tage der Kindheit zurückversetzt. In der sonnabendlichen Magdeburger Ballett-Premiere "Stürmische Höhen" erlebten er und die Zuschauer noch einmal seine dramatische und zugleich tragische Geschichte.

Von Helmut Rohm

Magdeburg. Claude-Michel Schönberg schrieb nach dem Roman "Wuthering Heights" ("Stürmische Höhen") von Emily Bronte ein Ballett, das 2002 in Bradford seine Uraufführung erlebte. Die Magdeburger Inszenierung in der Choreografie von Gonzalo Galguera ist die deutsche Erstaufführung. Im Vorab: Ein vielbejubeltes, die Sinne in Besitz nehmendes und nachhaltig beeindruckendes Balletterlebnis.

Es ist die Lebensgeschichte von Cathy und Heathcliff, der als Findelkind ins Gutshaus der Familie kommt. Aus dem kindlichen Miteinander, entwickeln sich Freundschaft und Liebe. Kirill Sofronov und Veronika Zemlyakova lassen den Zuschauer in der grandiosen Symbiose von leidenschaftlichem Spiel und Tanz an den nahegehenden Gefühlen teilhaben.

Doch bereits in der Kindheit spürt Heathcliff den Hass und die mit körperlicher Brutalität verbundenen Demütigungen durch Cathys Bruder Hindley. Jake Burden bringt einen außerordentlich gemeinen, alkoholsüchtigen und gewalttätigen Fiesling auf die Bühne.

Die Liebe zwischen Cathy und Heathcliff bekommt einen ernsthaften Bruch, als Cathy nach einem Unfall längere Zeit im vornehmen und glanzvollen Herrenhaus von Edgar Linton (Andreas Loos) und dessen Schwester Isabella (Emma Hanley Jones) verbringt.

Cathy werden die Unterschiede zwischen dem mehr kargen Leben im Gutshaus und dem prunkvollen im Herrenhaus recht deutlich. Auch Heathcliff spürt schmerzhaft ihre Wandlung. In Soli und Pas de deux mit tollen Sequenzen klassischen Balletts vermitteln die beiden Tänzer ihre aufrüttelnden und verwirrenden Gefühlsexplosionen, gespannt zwischen Liebe und Eifersucht. Schließlich lässt der gekränkte Heathcliff die verzweifelte Cathy zurück. Doch Jahre später wird er wiederkommen ...

Optisch erlebt der Zuschauer den Kontrast der beiden Lebenssphären in schnellen Bühnenbildwechseln zwischen dem durch Bilder und karge Möblierung geprägten Gutshof und dem prachtvollen Saal bei den Lintons.

Variantenreiche Gruppentänze

Hier ein sich dem Suff hingebener Bruder Hindley, dort ein mit schönen Kronleuchtern bestückter Saal, in dem rauschende Tanzfeste in prachtvollen Kostümen gefeiert werden (Bühne: Juan León, Kostüme: Stephan Stanisic).

Die Compagnie begeistert mit ihren variantenreichen Gruppentänzen. Gonzalo Galguera wählt kurze Bilder, um den Lauf der Geschichte, die sich über mehrere Jahre vollzieht, verständlich zu machen. Mehr Zeit und tänzerische Tiefe dann, wenn es um sich entwickelnde Gefühle, um Leidenschaften, um Zweifel und Verzweiflung, auch um Hass und Eifersucht geht.

Dieses Ballett ist wie ein großer Gefühlsvulkan, aus dem mehr oder weniger intensiv sowohl romantische nahegehende wie auch verabscheuungswürdige Ausbrüche zu erleben sind. Die Musik wird mit Leidenschaft und Engagement von der Magdeburger Philharmonie unter Pawel Poplawski auf den Punkt handlungsbegleitend ausdrucksstark interpretiert.

Im Lauf der Jahre haben sich einige Veränderungen vollzogen. Die wieder aufkeimende Liebe, belastet von vielen Zweifeln zwischen Cathy und Heathcliff, hat keine Chance. Es gibt kein Happy End. Cathy stirbt. Ihrem einstigen Geliebten bleibt nur die Erinnerung. Das begeisternde Ballett endet wie es begann – mit einer Vision. Ein tolles Ereignis für Magdeburg. "Stürmische Höhen" wurde vom Premieren-Publikum stürmisch gefeiert.