Von Claudia Klupsch

Magdeburg. "Einladung zum Selberdenken" haben Germanistik-Studenten der Universität Magdeburg ihr Friedrich-Dürrenmatt-Programm überschrieben. Im Literaturhaus unternahmen sie am Mittwochabend einen Streifzug durch das Werk des streitbaren und renommierten Schweizer Schriftstellers, lasen aus Texten, versuchten einzuordnen, zu interpretieren und in die Gedankenwelt Dürrenmatts einzutauchen.

90 Jahre alt wäre Friedrich Dürrenmatt in diesen Tagen geworden. Der Klassiker der Moderne starb 1990.

Gut durchdacht ist das Konzept der 13-köpfigen Studentengruppe, die für ihr Projekt Unterstützung aus der Schweiz bekam – vom Centre Dürrenmatt Neuchatel und dem Schweizerischen Literaturarchiv.

Das Labyrinth-Motiv hatte es ihm angetan

Für das "Selberdenken" hinterließ Dürrenmatt in Werk und Schriften genug Futter. Dem "Drauflosdenker" hatte es etwa das Labyrinth-Motiv angetan. Literarisch wie zeichnerisch drückte er "die Welt als Labyrinth" aus. Der Mensch sei darin gefangen, konstatierte der ehemalige Philosophiestudent.

Der Mensch müsse seinen Weg und seinen Sinn suchen. In seiner Auseinandersetzung mit Religion und Glaube stellt er weiter fest: "Um den Tod zu ertragen, sucht der Mensch einen Sinn."

Der Lese-Abend im gut besuchten Literaturhaus brachte Dürrenmatt als Mensch und Künstler nahe. Denkaufgaben lieferten nicht nur gelesene Texte, sondern Bilder des Malers Dürrenmatt, O-Ton-Mitschnitte und Filmaufnahmen. In szenischen Lesungen präsentierten die Studenten Texte und Stoffe.

Angespielt wurden etwa der "Besuch der alten Dame", jenes Stück, mit dem Dürrenmatt 1956 der Durchbruch gelang, "Die Panne" (UA 1979) und "Die Physiker" (1959). Bei letzterem betonten die Studenten die Auffassung Dürrenmatts, der Zufall sei bestimmende Schicksalsmacht. "Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall", zitierten sie den Autor.

Die These vom Zufall zieht sich durch das Werk Dürrenmatts. In "Das Versprechen" kommt der Mörder zufällig bei einem Autounfall ums Leben. In "Der Richter und sein Henker" kommt der Kommissar zufällig durch einen Mordfall dazu, ein früheres Verbrechen zu sühnen.

Die jungen Leute erstarrten nicht in Ehrfurcht vor dem großen Dürrenmatt. Ein Student setzte sich eine dicke Brille auf und ließ sich in ein Streitgespräch verwickeln - Dürrenmatt contra Kritiker über "Achterloo IV", das keiner mehr versteht.

Den Studenten ist mit ihrer erfrischenden und tiefgehenden Annäherung an Dürrenmatt ein eindrucksvoller Literaturabend gelungen. Einladung zum Selberdenken angenommen!