Gemälde und Grafiken von Willi Sitte sind in einer Personalausstellung in Magdeburg zu sehen. Eine vergleichbare Präsentation des Künstlers gab es in der Stadt seit Jahrzehnten nicht. Bis zum 28. Mai sind die Arbeiten voll praller Lebensfreude zu sehen. Der Weg lohnt sich.

Magdeburg. Sittes Wendeschmerz scheint der Realität gewichen. Ursprünglich wollte der Hallenser Maler nicht mehr im Osten Deutschlands ausstellen. Schließlich bereute er diese Entscheidung, nahm sie zurück.

Der heute 89-Jährige hat die inneren Verletzungen zum Teil überwunden, die der Untergang des Sozialismus für ihn brachte. Auf seine Weise konsequent ging er damit um. 1989 gab er die Ehrenpräsidentschaft des Verbandes Bildender Künstler der DDR zurück. Fast 15 Jahre hatte er den Verband von 1974 bis 1988 geleitet. Auch in der Deutschen Akademie der Künste nahm er schließlich den Hut. Da orientierte sich jemand neu, suchte – ohne sich verbiegen zu müssen – seinen Platz in der Gesellschaft neu.

Mit dem Projekt einer Exposition im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg 2001, das verschoben werde sollte, um sich über Sittes Rolle in der DDR klarer zu werden, flammte erneut Bitternis auf. Sitte sagte damals die geplante Ausstellung seiner Arbeiten ab.

2003 schließlich fand er für die Werke einen dauerhaften Platz. Augenscheinlich erschien ihm die Provinz am geeignetsten. Die Willi-Sitte-Stiftung für realistische Kunst mit Sitz in Merseburg wurde gegründet. Drei Jahre später bekam Sachsen-Anhalt dann die dazu passende Galerie.

Der Fundus erweist sich als beachtlich. 213 Gemälde, 1046 Handzeichnungen und 153 Druckgrafiken werden gezeigt oder haben ihren Platz im Depot. Dort dümpeln die Kunstwerke keinesfalls vor sich hin. Drei- bis fünfmal im Jahr werden einige ausgeliehen, reisen zu Ausstellungen durch die ganze Bundesrepublik, manchmal gibt es Leihanfragen aus den USA oder Italien.

Willi Sitte führt kein Nischendasein. Man will ihn präsentieren, er ist in der Gegenwart angekommen. Nach wie vor existierenden Vorurteilen gegen die Bildende Kunst aus der DDR zum Trotz, die sich länger halten als auf anderen Gebieten.

Die Merseburger Galerie fährt quasi zweigleisig. Neben einer ständigen Präsentation von Arbeiten ihres Namensgebers fühlt sich das Haus der zeitgenössischen Kunst verbunden. Einzige Bedingung für eine Schau: Die Objekte müssen dem Realismus verbunden sein. Daneben spielt die museumspädagogische Arbeit eine Rolle. Schulprojekte haben sich etabliert.

Die Galerie "Himmelreich" hatte lange Scheu vor der Werkschau. Nicht, weil sie den Disput fürchtete, sondern weil man eine Absage befürchtete. Schließlich der Weg nach Merseburg, eine völlig unkomplizierte Kooperation mit der Stiftung. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn es natürlich nur einen sehr kleinen Eindruck vom Lebenswerk des Hallensers vermitteln kann.

Es geht stets um die menschliche Figur. Sitte malt sie mit praller Lust. Die üppigen Körper sind sein Markenzeichen. Da scheint der erste Galerieraum der Fleischeslust vorbehalten. Akte und Liebespaare prägen die Wände, Sittes intensive Emotionalität kommt zum Tragen.

Auch zu DDR-Zeiten waren diese Darstellungen nicht in den Augen jedes Funktionärs passend. Dann in der "Zweiten Abteilung" Porträts und Selbstdarstellungen sowie Zeitkritisches. Ruhiger und sachlicher zeigen sie die Darstellungen, handwerklich unbestritten keinen Deut schlechter. "Der Überwechsler" von 1991 strahlt einen Hauch der Suche Sittes aus, der Sinnbilder entwickelt, Metaphern schafft. Das Bild erinnert unwillkürlich an die "Erdgeister", seine wohl letzte Arbeit zum Thema Arbeiterklasse.

Unbestritten, der menschliche Körper prägte Willi Sittes Schaffen. Die respektable Schau in Magdeburg belegt das deutlich. Gerade weil um ihren Schöpfer und seine Anschauungen viel gestritten wurde und wird, bleibt das eigene Erleben unverzichtbar.

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