Hamburg ( dpa ). Sex, Verbrechen und Gewalt - das sind Themen, für die der japanische Regisseur Nagisa Oshima steht. " Im Reich der Sinne " ist sein bekanntester Film, und er ist skandalumwittert. In dem Streifen geht es um ein Paar, das sexuelle Obsessionen bis hin zu Kastration und Mord beim Geschlechtsverkehr auslebt. Auf der Berlinale 1976 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft den Film wegen des Verdachts auf Pornografie. Erst zwei Jahre später war das Erotikwerk in deutschen Kinos zu sehen. Norwegen gab den Film erst 25 Jahre später für die Zuschauer frei.

1978 erschien " Im Reich der Leidenschaft ", dafür bekam Oshima beim Filmfestival in Cannes den Preis für die beste Regie. Als der Japaner 22 Jahre später wieder an die Côte d’Azur kam, erntete er Kopfschütteln. Sein vorerst letzter Film " Tabu " ( Originaltitel " Gohatto " - Die Vergessenen ), den er nach 13 Jahren Regie-Pause aus dem Rollstuhl heraus drehte, sei eine einfallslose Inszenierung mit dumpfen, sich wiederholenden Bildern und unfreiwilliger Komik, hieß es bei Kritikern.

Das Thema des 1999 entstandenen Films ist immer noch ein brisantes. In einer Zeit, in der in Manager-Kreisen und in der ( Männer- ) Fußball-Szene weiter hartnäckig über Homosexualität geschwiegen wird, könnte ein Drama über schwule Samurai-Krieger genug Diskussionsstoff bieten. Der Kultursender Arte zeigt den Film heute ab 20. 15 Uhr in einer Synchronfassung erstmals im deutschen Fernsehen.

Eine elitäre Einheit von Samurai, die Shinsen-gumi, soll 1865 einen Konflikt zwischen kaisertreuen Isolationisten und Befürwortern der Modernisierung niederschlagen. Diese Samurai haben einen straffen Ehrenkodex. Sie verzichten auf eigenen Besitz und geloben, die Gemeinschaft niemals zu verlassen. Falls sie eine Regel brechen, werden sie getötet.

Eifersucht und nackte Gewalt regieren

Als der bildhübsche Rekrut Sozaburo Kanozu ( Ryuhei Matsuda ) zu ihnen stößt, entbrennen leidenschaftliche Gefühle mehrerer Ranghöherer in der Gemeinschaft zu ihm. Bald regieren Eifersucht und nackte Gewalt.

Die Geschichte basiert auf einer Erzählung von Ryotaro Shiba, einem in Japan populären Autor, der historische Themen literarisch verarbeitet. Homosexualität unter Samurai sei geduldet worden, erzählte der heute 77-jährige Oshima über seine Recherchen. Dies habe weder als Tabu noch als anstößig gegolten. Nur wurde nicht darüber gesprochen. In seinem Film gehe es um eine Gruppe Männer, deren Aufgabe es sei zu töten : " Ich denke, dass in dieser extremen Ausnahmesituation Liebesbeziehungen unter den Mitgliedern – egal ob es sich um homosexuelle Verbindungen handelt - natürlich erscheinen. "

Oshima erklärte, er sei fasziniert gewesen von dem Gedanken, dass ein Jüngling die ganze Gemeinschaft durcheinanderbringen könne. Sein Erzählstil ist schnörkellos, das Spiel von Matsuda und Takeshi Kitano, der den sarkastischen Hijakata mimt, minimalistisch. Der Dramatik tut dies keinen Abbruch.